Läuferin vom TV Hergershausen

Schnelle Beine, großes Herz

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Nicht nur schnell auf der Piste: Gisela Lammers, hier mit ihrer neusten Medaille vom „Wings for Life Worldrun“.

Hergershausen - Gisela Lammers läuft, weil es ihr Spaß macht; ausdauernd und überall auf der Wellt. Selbst bei einer Krebserkrankung schnürte sie die Laufschuhe. Sie ist sicher, dass dies zur Genesung beitrug. Von Jens Dörr 

Ihre lebensbejahende Einstellung gibt sie in Groß-Umstadts Kreisklinik in einer Walkinggruppe für Krebspatienten weiter. Verkniffene Mimik, verkrampfte Haltung, schwerer Atem: So sieht man Gisela Lammers selbst auf den letzten Volkslauf-Kilometern nie. Im Gegenteil: Nicht nur durch ihre Größe sticht die Athletin des TV Hergershausen auf Wettkämpfen hervor. „Ich bin schon immer eine, die läuft, weil es ihr Spaß bin, weil es sie begeistert“, sagt die 65-Jährige. Und: „Ich bin nie verbissen.“ So steckt die Läuferin die Zuschauer von der Strecke aus förmlich mit ihrem Strahlen an. Eine Frau mit schnellen Beinen - und mit großem Herz.

Zunächst zur „schnöden“ sportlichen Leistung. Innerhalb ihrer Altersklasse gibt es hessen- und sogar bundesweit nur wenige Frauen, die Lammers auf Distanzen von zehn oder 21,1 Kilometern (Halbmarathon) derzeit das Wasser reichen können. Beim weltweit durchgeführten „Wings for Life Worldrun“ ließ die Groß-Umstädterin, die lange auch in Dieburg wohnte und seit Jahren die Laufschuhe für den Hergershäuser Turnverein schnürt, kürzlich sogar international aufhorchen. Mehr als 17 Kilometer rannte sie in München, ehe das „Catcher Car“ sie einholte und der Wettkampf für sie beendet war. „Am Start war es sehr eng, da kam ich nicht gut weg und musste teils sogar gehen“, berichtet sie, die eigentlich noch zwei, drei Kilometer mehr geplant hatte. Womit sie in die Nähe jener Polin gelangt wäre, die mit 20,92 Kilometern die globusweit größte Distanz in Lammers’ Altersklasse schaffte. Trotzdem wurde die Südhessin fünftschnellste Frau weltweit unter 135 Teilnehmerinnen ihres Alters.

Schlaflose Nächte bereitet ihr ein derlei unglücklich verpasster Triumph indes nicht. In der Region gewann sie schon viele Einzelrennen und Serienwertungen. Beim „Spitz-Älthemer Volks- und Straßenlauf“ in Altheim kam sie einst sogar als erste Frau überhaupt ins Ziel, stellte 1996 ihre Marathon-Bestzeit von 3:26:20 Stunden in Lausanne auf. Ihre Premiere über die legendären 42,195 Kilometer feierte sie 1992 in Frankfurt, damals inspiriert von den Dieburger Marathonläuferinnen Erika Hitzel und Liane Fischer.

Wettkämpfe in New York, Lissabon und Kuala Lumpur, wo sie mehrere Jahre lang mit ihrem Partner Peter Müller (ebenfalls ein begeisterter Läufer) lebte, führten sie rund um die Erde. „Beim Marathon in Malaysia war ich einst die erste deutsche Starterin überhaupt, bin bei 32 Grad und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit gelaufen und habe ein Radio, eine Klimaanlage und Laufschuhe gewonnen“, lächelt Lammers. Die Schuhe waren ihr viel zu klein - mit einer Frauengröße von 45 rechnete in Fernost dann doch niemand.

Einst eingestiegen in einer Phase, in der die Kinder aus dem Gröbsten raus waren („Und laufen kannst du fast immer und überall, ob alleine oder in der Gruppe“), erweiterte die Groß-Umstädterin ihre sportlichen Aktivitäten sogar noch auf den Triathlon. Stets schnell unterwegs, aber eben nie primär nach Bestzeiten haschend. Immer wichtiger: Spaß haben - und mit dem Sport inzwischen auch viel Gutes tun.

Denn trotz ihrer äußerst positiven Grundeinstellung war auch Lammers vor Schlimmem nicht gefeit: 2015 wurde bei ihr Brustkrebs diagnostiziert. „Im Herbst dieses Jahres bin ich noch den Frankfurt-Marathon gelaufen“, erinnert sich die Athletin. Erstmals in ihrer Karriere plagten sie während des Rennens Krämpfe: „Ich hatte den Krebs damals schon in mir.“ Noch während der Bestrahlung schlüpfte sie - entgegen des ärztlichen Rats - wieder in die Laufschuhe. Später stellte sich heraus, dass wohl auch das einen Beitrag zur Genesung beitrug. Sie selbst ist davon jedenfalls überzeugt.

Denn mittlerweile ist Lammers den Krebs los. Und macht anderen Menschen bei ihrem Kampf gegen die tückische Krankheit Mut: In Groß-Umstadt leitet sie eine Walkinggruppe für Krebspatienten, an der derzeit zehn bis zwölf Frauen teilnehmen. „Die Männer trauen sich nicht so recht zu uns“, hat die Läuferin festgestellt. Darüber hinaus engagiert sie sich für den Verein „Weiterleben“, der sich der psychosozialen Krebsberatung verschrieben hat.

Zusammen mit Kurzstrecken-Läuferin Carmen Mach veranstaltete sie im vergangenen Jahr zudem einen Benefizlauf in Groß-Umstadt. Dessen Erlös floss an das Kinderhospiz der Malteser in Darmstadt. Weil auch Gisela Lammers trotz aller sportlichen Erfolge weiß: Ein großes Herz schlägt noch immer auch die schnellsten Beine.

Quelle: op-online.de

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