„Er starb durch Hass“

„Landshut“-Pilot Jürgen Schumann vor vier Jahrzehnten ermordet

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Babenhausen - Heute vor 40 Jahren ist Lufthansa-Pilot Jürgen Schumann an Bord der „Landshut“ ermordet worden. An den Babenhäuser, der auf dem hiesigen Friedhof bestattet wurde, erinnern im Stadtgebiet eine Straße und ein Gedenkstein. Von Norman Körtge 

Jürgen Schumann ahnt, was ihm nach der Rückkehr in die „Landshut“ droht. „Ich bin sicher, sie werden mich umbringen“, soll er einem jemenitischen Luftwaffengeneral auf dem Flugplatz in Aden gesagt haben. Der Lufthansa-Pilot hatte nach der ruppigen Landung das seit vier Tagen in der Hand von Terroristen befindliche Flugzeug verlassen, um das Fahrwerk zu kontrollieren. Er hofft, dass die jemenitschen Behörden die vier palästinensischen Entführer – sie wollen die in Deutschland einsitzenden RAF-Terroristen um Andreas Baader und Gudrun Ensslin freipressen – sowie die 90 Passagiere und Besatzungsmitglieder für Verhandlungen aussteigen lassen. Doch der General verneint. Schumann geht voller Pflichtbewusstsein zurück an Bord. Dem Anführer der Terroristen ist die mehrminütige Abwesenheit verdächtig – und er reagiert mit brutaler Gewalt. Er zwingt ihn, sich im Mittelgang niederzuknien, fängt noch eine Diskussion an und schießt ihm schließlich in den Kopf. Schumann, 37 Jahre alt, der mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen gerade ein neu gebautes Haus im Babenhäuser Wohngebiet Ost bezogen hat, ist tot. Es ist der 16. Oktober 1977.

Fünf Tage später, am 21. Oktober: Fast ganz Babenhausen trägt schwarz, und es herrscht Ausnahmezustand. Schwer bewaffnete Polizisten patrouillieren auf den Straßen. Mehrere tausend Menschen, so berichtet die Offenbach-Post damals, wollen vor und in der überfüllten Stadthalle Abschied nehmen. Auf dem Dach der Stadthalle überwachen Polizisten das Geschehen. In der Halle ist am Stirnende der Sarg aufgebahrt, flankiert von sechs Kapitänen der Lufthansa. Dazu große Kerzen und Blumengebinde, die in den Farben der Lufthansa – lilablau und gelb – leuchten. Auf der Bühne hat ein großes Orchester der Luftwaffe Platz genommen, deren Musiker von den Scheinwerfern der TV-Kameras angestrahlt werden.

„Um 14 Uhr betrat die Witwe des Ermordeten den Saal. Mit starren und blassem Gesicht, ausgeweinten und und tränenlosen Augen unter einer schwarzen Hutkrempe wurde sie von Bundesverkehrsminister Kurt Gscheidle, Verteidigungsminister Georg Leber und mehreren Bundeswehrgenerälen sowie Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski und Lufthansa-Vorstandsmitglied Werner Utter an ihren Platz geleitet“, beschreibt Offenbach-Post-Redakteur Alf Heppner in seinem Bericht die Szenerie. Bundesminister Gscheidle würdigt in seiner Ansprache den selbstlosen Einsatz von Schumann, mit dem er wahrscheinlich anderen Menschen das Leben rettete: „Jürgen Schumann hat uns allen ein Beispiel gegeben, wie ein Mann selbst in einer verzweifelten Situation zu handeln in der Lage ist – tapfer und überlegt.“

Rücktransport der "Landshut" - Seltene Bilder der Schicksalsmaschine

Auch Babenhausens Stadtobere um Bürgermeister Georg Willand und den Lokalpolitikern ist daran gelegen, dem ermordeten Bürger mit einem bleibenden Andenken zu ehren. Zum einen wird er in einem Ehrengrab auf dem städtischen Friedhof beigesetzt. Zum anderen stellen die FDP- und die SPD-Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung den Antrag, die Haupterschließungsstraße für das Wohngebiet Ost, die bislang den Namen „Rennweg“ trug, in Jürgen-Schumann-Straße umzubenennen. Im Dezember 1977 billigt die Stadtverordnetenversammlung einstimmig dieses Vorhaben.

Am ersten Todestag Schumanns bringt die Lufthansa eine steinerne Plakette an seinem Grab an. Ein weiteres Jahr später, im Dezember 1979, wird an der Jürgen-Schumann-Straße feierlich ein Gedenkstein enthüllt. „Er starb durch Hass“, steht dort in Stein gemeißelt.

Quelle: op-online.de

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