Langes Schweigen über Missbrauch

Darmstadt/Babenhausen - „Wir wollten unseren Schwestern nicht den Vater wegnehmen.“ So begründen die beiden Geschwister D. ihr Schweigen über den jahrelangen Missbrauch durch den Lebensgefährten ihrer Mutter. Von Ulrike Bernauer

Erst als sie erfuhren, dass der Mann, der sich inzwischen von der Familie getrennt hatte, auch andere Kinder missbrauchte, gingen sie zur Polizei und erstatteten Anzeige.

Vor der 10. Großen Strafkammer begann gestern der Prozess gegen Rainer R., 46 Jahre, zuletzt wohnhaft in Babenhausen. Er soll in mehr als 20 Fällen in den Jahren 1995 bis 2008 fünf Kinder missbraucht haben, darunter die beiden mittlerweile erwachsenen Kinder seiner ehemaligen Lebensgefährtin D. Vom Streicheln bis hin zum Geschlechtsverkehr lauten die Vorwürfe, die der geständige Angeklagte auch nicht bestreitet. Die Taten geschahen im Odenwald, wo der Angeklagte an verschiedenen Wohnsitzen wohnte. Seit der Anklage im Februar 2011 sitzt R. in Untersuchungshaft.

Übergriffe auf das Mädchen und den Jungen geschahen parallel

R. lebte sechs Jahre mit Lebensgefährtin D. zusammen, die vom Missbrauch nichts bemerkte. Drei Kinder hatte die Frau, als sie R. 1995 kennenlernte, mit einem war sie schwanger und ein Kind wurde während der Beziehung der beiden geboren. Der Angeklagte beging seine sexuellen Übergriffe erst bei einer älteren Tochter seiner Lebensgefährtin, nach Angaben des Opfers war es etwa zehn Jahre alt. „Ich habe versucht, das zu verdrängen und weiß vieles nicht mehr so genau“, sagt die mittlerweile erwachsene Frau unter Tränen.

Später kam es auch zu Übergriffen auf den jüngeren Bruder, nach seiner Aussage begann der Missbrauch an ihm, als er acht Jahre alt war. Der Missbrauch setzte sich auch fort, als die Mutter sich getrennt hatte, die Kinder besuchten ihren „Stiefvater“ noch regelmäßig und übernachteten auch bei ihm. Erst als beide, die Übergriffe auf das Mädchen und den Jungen geschahen zeitlich auch parallel, dem Angeklagten ausdrücklich sagten, sie wollten das nicht mehr, hörten die sexuellen Taten auf.

Übergriffe als Lustbefriedigung

Zwei weitere Kinder missbrauchte R. dann im nachbarschaftlichen Umfeld. Er wohnte in der Wohnung über der getrennt lebenden Mutter H. von zwei Kindern, zu denen ein gut nachbarschaftliches Verhältnis bestand. „Haben Sie sich nie gefragt, was das für die Kinder bedeutet?“, fragte Richter Jens Aßling den Angeklagten, der seine Taten damit begründete, zu Kindern zärtlich sein zu wollen. Erst auf hartnäckiges Insistieren des Richters gab R. zu, dass die Übergriffe hauptsächlich seiner eigenen Lustbefriedigung gedient hätten.

Am Mittwoch legte der Angeklagte ein umfangreiches Geständnis ab und die Zeugen wurden gehört. Am Donnerstag, 22. September, um 9 Uhr wird der Prozess fortgesetzt mit einem Gutachten eines Neurologen und Psychiaters, den Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung und voraussichtlich auch der Urteilsverkündung.

Quelle: op-online.de

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