Blumen statt Gestrüpp

+
Wo es einst wucherte, packen nun Teilnehmer eines Arbeitslosenprojekts an.

Sickenhofen - Am Anfang war die Skepsis groß. „Das schaffen wir nie“, sagten sich alle Beteiligten beim Blick auf den Wildwuchs zu ihren Füßen. Bäume, jede Menge Buschwerk und Wurzeln – das Grün wuchs unkontrolliert, niemand hatte Freude daran. Von Stefan Scharkopf

„Doch dann haben wir gleich gemerkt, dass wir motivierte Leute haben, die es schaffen, aus dem Gelände etwas zu machen“, sagte Sickenhofens Ortsvorsteher Friedel Sahm gestern. Nun packen sieben langzeitsarbeitslose Männer an, um das Fleckchen Erde wieder schön aussehen zu lassen. Die Neugestaltung der Fläche an der Ecke Mühlstraße/ Hehnstraße wurde vor etlichen Jahren von den Landfrauen gepflegt, verfiel in der letzten Zeit aber in einen Dornröschenschlaf. Der Ortsverschönerungsverein hatte das Areal, das der HSE gehört, im Auge und wollte es aufhübschen.

Das geschieht nun in Zusammenarbeit mit dem Projekt „mein Impuls 50Plus“. Seit 2008 beteiligt sich das kommunale Jobcenter des Landkreises Darmstadt-Dieburg am Bundesprogramm „Perspektive 50plus“ des Bundesarbeitsministeriums. Im Jahr 2010 erweiterte der Kreis sein Engagement im Bundesprogramm um das Projekt „mein Impuls 50Plus“. Darin werden Langzeitsarbeitslose mit vielfältigen Vermittlungshemmnissen betreut – etwa weil sie bereits über 50 Jahre alt sind.

In Gruppenveranstaltungen werden vergessene und verborgene Fähigkeiten entdeckt und es wird nach Möglichkeiten der beruflichen und gesellschaftlichen Teilhabe gesucht. Fallmanager, externe Sozialpädagogen sowie Fachanleiter begleiten die Gruppen in der jeweiligen Praxis- und Kreativphase. „Ziel ist, die Menschen wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren“, erläuterte Kiliane Vaupel, Teamleiterin von „mein Impuls 50Plus“ vor Ort, „bis dahin können sie unser Angebot wahrnehmen, eine Arbeitsgelegenheit ausführen, sich gesellschaftlich engagieren und sich ihre Erwerbsfähigkeit erhalten.“

Oder, wie es Fachleiter Zeynel Duzgün ausdrückt: „Sie müssen lernen, sich wieder wertzuschätzen.“ Das Projekt zielt darauf ab, Teufelskreise zu durchbrechen, Selbstbewusstsein auf- und Hemmnisse abzubauen und zu ermutigen, dem eigenen Leben wieder die richtige Richtung zu geben.

Seit Beginn 2010 wurden bisher rund 750 Menschen im Projekt aktiv. In diesem Zeitraum gelang 90 von ihnen der Sprung in einen sozialversicherungspflichtigen Job – erster Arbeitsmarkt statt Hartz IV. Andere Teilnehmer sind bereits aus dem Projekt ausgeschieden, bei einigen von ihnen stellte der Amtsarzt fest, dass sie einfach nicht mehr arbeitsfähig sind. Einige erreichen auch schlicht das Rentenalter.

Studie: Diese Jobs bringen weniger als Hartz IV

Studie: Diese Jobs bringen weniger als Hartz IV

So packen in Sickenhofen nun sieben arbeitslose Männer an. Sie stammen aus dem östlichen Landkreisteil, sind Schreiner, Maler und Lackierer oder Lkw-Fahrer. Sie alle eint, dass sie seit mehr als 24 Monaten keinen festen Job haben. An zwölf Terminen gestalten sie nun die Fläche, fällten Bäume, entfernten Buschwerk, gruben Wurzeln aus. „In den letzten Wochen wurde Wagen um Wagen mit Grünabfall weggefahren – ehrlich gesagt, ist der Arbeitsaufwand doch erheblich größer als erwartet. Wir hätten diese Neugestaltung so als Verein nicht realisieren können ohne unsere Helfer aus dem Programm, die Unterstützung der Stadt und etliche örtliche Unternehmer“, sagte die Vorsitzende des Ortsverschönerungsvereins, Bettina Mathes.

Auf der Fläche entsteht nun eine Blumenwiese mit Wildpflanzen, der vordere Teil wird mit Stauden bestückt, ins Insektenhotel sollen Bienen und Co einziehen und Schmetterlinge durch Futterpflanzen angelockt werden. Eine Wurzel wird zum Igelbau. Aber nicht nur Tiere sollen Freude an der Ecke haben, auch die Anwohner und Spaziergänger können demnächst dort verweilen. Beraten werden die Männer im Übrigen von der Sickenhöfer Blumenliebhaberin Heide Jakob. Die Stadt Babenhausen hat mit dem Projekt gute Erfahrungen gemacht, wie Bürgermeisterin Gabi Coutandin betonte. In Harpertshausen hatte eine Projektgruppe ebenfalls einen unansehnlichen Platz aufgehübscht.

Quelle: op-online.de

Kommentare