Leidenschaft für Metall und Mechanik

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Für einen Kran aus Baukästen hat „LieberHerr“, der Name ist eine Anspielung auf eine fast gleichnamige Firma, ordentliche Dimensionen, das neue Exemplar soll noch größer werden.

Babenhausen - „LieberHerr“ ist zwei Meter groß und hat einen Arm von 2,20 Meter Länge. Er besteht aus größtenteils blassgrünem Metall. „LieberHerr“ ist ein Kran. Rudolf Müller hat ihn gebaut. Aus Metallbaukästen. Verfeinert durch Motoren, die den Kran bewegen. Von Fabian Sell

Rudolf Müller trägt einen grau-weißen Schnauzbart, der sich ob seines häufigen Lächelns hebt. Wenn er intensiv über seine Leidenschaft des Bastelns mit Metallbaukästen spricht, legt sich seine Stirn zuweilen in Falten. Gebaut hat Müller sein Leben lang. Erst lernte er Maurer. Dann war er als Polier auf Großbaustellen unterwegs und somit weisungsbefugt beim Bau von Brücken, Tunnels und Wohnhäusern. Seit April ist der 64-Jährige in Rente. Die Vorliebe für Baumaschinen ist geblieben und wird verkörpert durch jene Miniaturen, die er heute emsig zusammenschraubt.

Doch dies ist für Müller nicht nur ein neuer Zeitvertreib. Es ist eine Leidenschaft, die weit zurück reicht: Seinen ersten Baukasten hielt Rudolf Müller mit zwölf oder 13 in den Händen. Es war ein Geburstagsgeschenk für einen Jungen der 60er-Jahre - einer Zeit, in der Knabenaugen noch leuchteten, wenn sie die von zahlreichen Firmen hergestellten Bausätze erblickten.

Müller hatte einen Grundkasten von Märklin. Das Prinzip dahinter: Je mehr Teile, desto umfangreicher die Möglichkeiten. Ergänzungssets ließen die Bauten wachsen, die in rot, grün und blau – den Märklin-typischen Farben – entstanden. Mithilfe eines Handbuchs konnte Müller beispielsweise einen Bagger, einen Motoroller oder einen Aufzug zusammenschrauben. Doch: „Ich habe mich als Kind nicht an die Vorlage gehalten“, sagt er. Am liebsten baute er Kräne. Wie heute, 50 Jahre später.

Das Radio pfeift zur Begrüßung, wenn Müller das Licht in seiner Kellerwerkstatt einschaltet. Ob Metallstäbe, Zahnräder oder kleine Motoren – alles findet hier seinen Platz. Müller durchschreitet den Raum, in dem er vier Mal die Woche seine Abende verbringt.

Vom Hubschrauber über das Flugzeug bis zum Traktor zieht er Beispiele dafür, was er errichtet hat, aus den gefüllten Regalen. Es ist oft kein totes – es ist bewegtes Metall: So fährt der Traktor dank eines Motors, ein „Eingießer“ stellt eine Weinflasche auf den Kopf und ein Karussell mit Playmobil-Figuren dreht sich zu einer Melodie der Kindheit. „Der Sinn für Mechanik ist geblieben“, sagt Müller, und meint: Mechanik fasziniert ihn, seit er einst im Winter vorrübergehend als Automechaniker gearbeitet hatte.

Die Faszination für Metallbaukästen indes ging Müller für lange Zeit verloren. Als Auszubildender kaufte er sich zwar noch Baukästen, doch dann kam die „Zeit als Mädels und Mopeds interessant wurden“. Also verschenkte er den scheinbaren Ballast der Jugend. Doch 1980, als sein Sohn gerade fünf Jahre alt war, fing er wieder an, Märklin-Teile zu kaufen. Gedacht waren diese als Spielzeug für seinen Sohn, doch dieser habe kaum Interesse gezeigt. In den 80ern waren bei Heranwachsenden eher Produkte von Lego oder Fischertechnik gefragt. Seinem Sohn, sagt Müller, habe es insbesondere gefallen, mit dem Heimcomputer Commodore 64 zu spielen.

So kam das zweite Ende der Metallbaukästen. Doch letzten Sommer kramte Müller die aufgehobenen Reste hervor – seitdem baut er wieder. Das Material erwirbt er größtenteils in Internetauktionen. Auch seinen ersten Märklin-Kasten hat er sich wieder besorgt. Dass dies kein billiges Vergnügen ist, dem ist sich Müller bewusst. Deshalb setzt er sich exakte Grenzen, wie viel er pro Versteigerung ausgibt. Da Märklin seit 1999 keine Metallbaukästen mehr produziert, kauft Müller die Teile größtenteils gebraucht. Orientierung bieten ihm die Neupreise von Metallus – einer Firma, die seit über zehn Jahren produziert und sich inhaltlich grob an Märklin orientiert. Wenn die Gebrauchtpreise zu hoch ausfallen, kauft Müller zuweilen neue Teile bei dem Unternehmen.

Mit seiner Leidenschaft ist Müller nicht alleine: So gibt es mit dem „Freundeskreis Metallbaukasten“ eine lose Interessensgemeinschaft von etwa 300 Sammler und Konstrukteuren.

Auch Müller ist dabei. Gegründet wurde der „Freundeskreis“ als Mailing-Liste im Jahr 2001. Heute treffen sich die Mitglieder zudem, um sich ihre neusten Werke zu zeigen.

Müller ist es überdies ein Anliegen, seine Werke der weiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. „Ich möchte den Kindern etwas bieten“, sagt er, wenn er an das bevorstehende Altstadtfest in Babenhausen denkt. Dann werden die Kleinen etwa seinen motorbetriebenen Traktor ausprobieren können. Oder eine Planierraupe mit einer Kabelfernsteuerung bedienen. An seiner Hauptattraktion hingegen werkelt er noch. Es ist ein Kran – einer, der noch beeindruckender weden soll als „LieberHerr“.

Quelle: op-online.de

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