Feuerwehrauto

Lotte winkt, bevor sie um die Ecke düst

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Flotte Lotte: Die alte Dame soll bis zum Frühjahr wieder fit sein.

Babenhausen - Warum ein Löschauto keine Blinker hat und Babenhäuser Feuerwehrmänner viel Zeit mit einer alten Dame verbringen dürfen, ohne dass es daheim Ärger gibt. Von Michael Just

Wenn Feuerwehrmänner derzeit zur Lotte gehen, dann handelt es sich nicht um eine Kameradin oder eine andere zweibeinige Schönheit. Nein, Lotte hat vier Räder, eine Holzleiter und wird bald 60 Jahre alt. „Jetzt bräuchte ich eine Bremsfederzange“, sagt Reinhard Geißler und schaut sich im Feuerwehrhaus um. „Zuhause hätte ich das“, ergänzt der 54-Jährige und schmunzelt. Mit zwei herkömmlichen Zangen gelingt es ihm trotzdem, den Spanngurt für die Bremsbeläge zusammenzuziehen.

Im Stützpunkt wird gerade geschraubt: Feuerwehrmitglieder bringen ein altes Löschgruppenfahrzeug in Schuss. Das ist machbar, da viele Blauröcke auch passionierte Traktorschrauber sind. Mit dem FK 2.000, FK steht für Ford Köln, besitzt die Wehr ein echtes Schmuckstück aus dem Jahr 1953. Damals wurde das Auto, das den liebevollen Beinamen Lotte trägt, mit Hilfe der Bevölkerung angeschafft. Die sammelte 30.000 Mark. Bis 1989 war das Löschfahrzeug Nummer 8 im Einsatz. Die letzten 20 Jahre stand es in Mühlheim bei einem Verein für historische Fahrzeuge. Vor zwei Jahren holten die Schrauber das erste Babenhäuser Löschauto nach dem Krieg nach Hause.

Bremsen, Kupplung und Getriebe

„Vieles ist einfacher zu reparieren als bei heutigen Autos, da alles mechanisch ist. Trotzdem muss man sich in die Materie reindenken“, erklärt Geißler, der vor 40 Jahren Lkw-Mechaniker gelernt hat, danach zur Berufsfeuerwehr ging und heute sein Geld als Gerüstbauer verdient. Das Schrauben hat er nie aufgegeben, wie seine Traktorsammlung zeigt. „Hier muss man wissen, was man macht. Abgeschraubt und auseinandergebaut ist es schnell“, ergänzt Klaus Rühl (55). Auch wenn der Motor noch intakt ist, hat das feuerrote Löschmobil von einst der Zeit Tribut gezollt: Bremsen, Kupplung oder Getriebe – vieles muss repariert und erneuert werden. „Die Kupplung ist bis auf die Nieten runter“, berichtet Geißler. Dazu sind viele Dichtungen hinüber, wie der Ölaustritt zeigt. Letzte Hand wird ein Karosseriespengler anlegen.

Zahlreiche Mitglieder der Babenhäuser Wehr sind bei den lokalen Traktorfreunden.

Lottes Tacho zeigt nur 25.085 Kilometer. „Gebrannt hat es damals genauso viel, die technische Hilfeleistung war aber weniger“, wissen die Experten. Der V8-Motor mit seinen 90 PS läuft noch immer problemlos. Das ist gut, denn ihn zu reparieren wäre schwierig und kostspielig. Einziges Manko: Er frisst Unmengen an Sprit. Neun Leute passen ins Auto mit der Holzauskleidung. Vieles funktioniert per Handbetrieb. Einen Blinker sucht man am Fahrzeug vergeblich. Dafür gibt es Winker. Die Zollstock-Gebilde klappen an der Seite rauf und runter und zeigen die Fahrtrichtung an. Neben dem Blaulicht, mittels Fanfaren im Motorraum akustisch verstärkt, hat der Wagen noch eine zusätzliche große Klingel, die „Achtung, Platz machen“ signalisiert. An den vorderen Fahrzeugecken ragen Stöcke mit einer kleinen Kugel als Begrenzer hervor, dass der Fahrer das Ende der großen Schnauze besser abschätzen kann.

Eine echte Jugenderinnerung

„Es gibt auch Zwischengas und Zwischenkupplung“, wirft Dieter Geißler (52) ein. Mit 18 Jahren stieg er als Jugendfeuerwehr-Betreuer auf den Fahrersitz. „Darauf habe ich gelernt. Das ist eine echte Jugenderinnerung“, sagt der Werkzeugmacher. Probleme haben die Hobbyschrauber immer wieder mit den Ersatzteilen. Nicht alles lässt sich im Internet finden. Die Kupplung schickten sie an eine Spezialfirma. Schwieriger wird es mit den zerbröselten Dichtungen, die es selbst herzustellen gilt. „Oder man kennt jemanden“, verrät Reinhard Geißler mit einem Grinsen. Durch seine Traktorsammlung hat er schon viele Kontakte zu Spezialisten in ganz Europa aufgebaut.

Im Frühjahr soll Lotte fahrtüchtig sein. Dann hätte der Schraubertrupp der Wehr die bald 60-Jährige über die Wintermonate wieder fit gekriegt. Den ehemalige Stolz der Babenhäuser Feuerretter erwartet eine beneidenswerte Zukunft: Auf Ausstellungen, Oldtimertreffen und Festumzügen werden ihr zahlreiche bewundernde und begeisternde Blicke sicher sein. Auch deshalb, weil es den FK 2 000 nach jetziger Kenntnis nur ein einziges Mal im Landkreis gibt. Nämlich nur in Babenhausen.

Quelle: op-online.de

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