Wo der Mähbinder die Bündel schnürt

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Reinhard Geißler (oben) zieht mit seinem komplett restaurierten MAN-Traktor aus dem Jahr 1949 den Lanz-Mähbinder, Baujahr 1940.

Babenhausen - Der Blick von Reinhard Geißler am Steuer seines restaurierten MAN-Traktors aus dem Jahr 1949 geht immer wieder nach hinten. Denn er zieht an diesem heißen Sommerabend einen anderen Oldtimer durch das Weizenfeld am Ortsrand von Babenhausen: Einen 1940 gebauten Mähbinder, mit dem die Mitglieder der Traktorfreunde und der Feuerwehr wie zu Großvaters Zeiten Weizen ernten. Von Petra Grimm

Geißler fährt konzentriert und eher langsam, aber immer noch zu schnell für den alten Selbstbinder der Firma Lanz. „Der wurde ja früher von Pferden gezogen“, sagt Günther Anders, der auf dem Mähbinder sitzt und regelmäßig den Arm hebt, damit Geißler anhält. Der Mähbinder, der die Weizenhalme abmäht und zu kleinen, handlichen Bündeln zusammen bindet, schafft das Tempo des Traktors nicht. Alle paar Meter heißt es „Stopp“, denn die Männer müssen den Weizen, der sich im historischen Gerät verhakt hat, mit ihren Händen lösen.

Aber das trübt die Laune der Truppe nicht, die sich an diesem tropischen Abend auf dem staubigen Feld versammelt hat. Die Feuerwehrmänner und die Traktorfreunde bereiten nämlich ihren gemeinsamen Stand am Altstadtfest (12. und 13. September) vor. Der an diesem Abend geerntete Weizen – ein Anhänger voll – soll beim großen Traditionsfest der Babenhäuser Vereine vor den Augen des Publikums gedroschen werden. Und zwar - wie in den vergangenen Jahren auch – mit der aus den 30er Jahren stammenden Dreschmaschine von Lothar Kirchhöfer.

Die Frauen binden mit die Garben und stellen sie zu sogenannten „Puppen“ auf.

Die Ausstellung historischer, landwirtschaftlicher Geräte und Vorführungen mit ihnen stehen neben deftigen kulinarischen Genüssen im Mittelpunkt des großen Standes hinter der Stadtmühle, der sicher wieder ein Höhepunkt der langen Open-Air-Partymeile sein wird. Angekündigt werden auch eine alte Feldschmiede, eine 80 Jahre alte Bandsäge und Pflüge. Außerdem können die Besucher sehen, wie Langholz mit einem Trecker aufgeladen wird und wie ein Traktor von einem geschickten Fahrer auf eine Wippe gefahren wird – ein echter Balanceakt.

Vor sieben Jahren sind die Traktorfreunde aus der Feuerwehr heraus entstanden“, erklärt Reinhard Geißler über dessen Leidenschaft für die alten Trecker, die er selbst aufwändig restauriert, nicht nur in der Offenbach-Post, sondern auch schon in Fachzeitschriften berichtet wurde. Aus etwa 60 bis 70 Traktorfreunden besteht die Gruppe inzwischen, die bei ihrer Premiere beim Altstadtfest vor sieben Jahren mit sechs Oldtimer-Traktoren vertreten war. „Letztes Jahr waren über hundert Fahrzeuge dabei“, erinnert sich Geißler, der die Besitzer alter Traktoren von nah und fern einlädt, die große Ausstellung beim Altstadtfest mit ihren Fahrzeugen zu bereichern.

Aber bei der Weizenernte für die Vorführung beim Fest waren nicht nur motorisierte Pferdestärke und männliche Muskeln gefragt. Eine Gruppe zumeist älterer Frauen lief hinter dem Mähbinder her, band mit geschickten Händen Weizenhalme zu Garben und stellte sie zu sogenannten „Puppen“ auf. „Diese Arbeit kenne ich noch aus meiner Kindheit“, erzählt eine von ihnen. „Das verlernt man nicht, wie das Radfahren“, sagt eine andere lachend. Die Weizenhalme seien früher allerdings länger gewesen, erinnern sich die Frauen.

Heute brauche man das Stroh nicht mehr als Tierfutter, deshalb werde der Weizen so niedrig gezüchtet. „Damit die Kraft der Halme in die Ähren geht“, erklärt eine der Frauen, ehe sich alle Beteiligten gemeinsam bei einer Brotzeit stärken. Das gehört dazu – früher wie heute.

Quelle: op-online.de

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