Männerschwund im Jubeljahr

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Mit dem Chor „Musica“ aus Eppertshausen gestaltete die Bruderkette Sickenhofen ihr Weihnachtskonzert.

Sickenhofen - Der Auftritt des Sickenhöfer Gesangvereins Bruderkette am vierten Advent hat Tradition. Schon seit vielen Jahren stimmt man damit die Mitbürger in der evangelischen Kirche auf die jährlich gefeierte Geburt Christi ein. Von Michael Just

In diesem Jahr war der Auftritt dennoch besonders: Er bildete den Abschluss unter dem Jubiläumsjahr, in dem der Männerchor seinen 100. Geburtstag beging.

Mit dem Konzert in der katholischen Kirche St. Josef in Babenhausen vor rund vier Wochen war dies bereits der zweite große Auftritt der Bruderkette im diesjährigen Advent. Die guten Beziehungen von Dirigent Kurt Herdt zu Pfarrer Ferdinand Winter machten dies möglich.

Für das große Weihnachtskonzert am Wochenende in Sickenhofen holte man sich den Eppertshäuser Chor „Musica“ dazu, um das Jubiläumsjahr gebührend zu beschließen. Die Gastgeber sangen jeweils dreimal, während die Gäste mit zwei Auftritten das Programm gestalteten. Beim letzten Stück „Stille Nacht, heilige Nacht“ standen alle Sänger gemeinsam auf der Bühne.

„Wir hatten vorher ein mulmiges Gefühl“

Blickt Chorleiter Kurt Herdt auf das Jubiläumsjahr, ist er sehr zufrieden: „Wir hatten vorher ein mulmiges Gefühl. Doch die Sache zeigte sich als harmonisch mit einer guten Ausstrahlung.“ Dazu wurde man von der Bevölkerung bei der akademischen Feier, dem Liederabend sowie dem Liedernachmittag mit einer großen Resonanz unterstützt.

Seit 1975 steht Herdt bereits der Bruderkette als Dirigent vor und begleitet die Sänger damit ein Drittel ihrer Bestandszeit. Damit kennt er als Außenstehender die Ortsstrukturen und den Charakter der Sickenhöfer wie nur wenige. „Das ist ein feiner Menschenschlag und mit das Ehrlichste, was man sich vorstellen kann“, bilanziert der Rodgauer.

Dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass der Chor sich die letzten drei Jahrzehnte halbiert hat. Als Herdt anfing zählte man 45 Sänger, jetzt nur noch 25. Der Altersdurchschnitt bewegt sich zwischen 60 und 80 Jahren. „Die deutsche Gesangstradition steht nicht mehr hoch im Kurs, das ist leider eine Zeiterscheinung“, bedauert der Chorleiter. Viele Vereine würden zwar Projekte hervorbringen, deren Erfolge aber meist nur von kurzer Dauer seien. Trotzdem müsse man dies positiv sehen, dass sich überhaupt was tut.

Möglichst lange Fahne und Tradition aufrechtzuerhalten

„Unser Verein fühlt sich stark, auch wenn das Werben um junge Sänger in Sickenhofen bisher nicht gefruchtet hat“, fügt der 62-jährige hinzu. Fast haben seine Worte etwas Resignierendes, dass man die jungen Männer im Ort nicht dauernd zum Mitsingen belästigen könne. Wie er gleich hinterher schickt, sehen derzeit alle Aktiven in einem gemischten Chor, und damit der Öffnung für Frauen keine Alternative: „Dann bleiben mir die Männer weg“, ist sich Herdt sicher. Tradition und Stolz eines Männerchores ließen sich auch in Krisenzeiten nicht so einfach auflösen. Dazu stünde die Frage im Raum, wo die Frauen herkommen sollen. Die meisten seien im Kirchenchor aktiv, dort könne man nicht einfach hingehen und diese abwerben.

So herrscht in der ehrwürdigen Männerriege momentan die Tugend vor, sich zu behaupten und noch möglichst lange Fahne und Tradition aufrechtzuerhalten. Wie lange das sein wird, kann Herd nicht voraussagen.

Um die schwierige Situation zu verdeutlichen bringt er mit einem Augenzwinkern und seinem gewohnt fröhlichen Gemüt die eigene Person ins Spiel: „Unsere Zukunft lässt sich schwer abschätzen, wofür ich das beste Beispiel bin. Genau genommen bin ich mit meinen 62 Jahren selbst keine große Perspektive mehr für den Verein.“

Quelle: op-online.de

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