„Makrelen und Möwengeschrei“

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Der Stand der Freibad-Sanierung ließ sich am Samstag begutachten. Zum „Tag der offenen Baustelle“ lud der Eigenbetrieb kommunale Dienstleistung der Stadt Babenhausen und das für die Arbeiten zuständige Architekturbüro Bremer und Bremer ein. Bei den insgesamt acht Führungen stieß man auf ein großes Interesse in der Bevölkerung.

Babenhausen ‐ Dunkle Wolken, peitschende Böen und feuchtigkeitsgeschwängerte Luft – viele Besucher fühlten sich beim „Tag der offenen Baustelle“ passend an die rauhe Nordseeküste und damit in die ehemalige Heimat des Küstenmotorschiffes „Jenny“ versetzt. Von Michael Just

Am Samstagmorgen bot der Eigenbetrieb kommunale Dienstleistung der Stadt und das zuständige Architekturbüro Bremer und Bremer aus Wetzlar eine Besichtigung der Schwimmbad-Baustelle an.

Mit extra gedruckten Informationsblättern hatte man sich viel Mühe gemacht, um das politisch heiß diskutierte Sanierungsprojekt mit dem Sahnehäubchen „Jenny“ in ein positives, gewinnbringendes Licht für Babenhausen zu rücken. Vier Stunden lang fanden im halbstündigen Takt Führungen statt, die von einer großen Bürgerschar angenommen wurden. Aus Versicherungsgründen durften sich jeweils immer nur 20 Personen auf den mit rot-weißem Markierungsband abgegrenzten Pfaden zwischen großen Sandbergen und Arbeitsmaterial bewegen.

Die erste Station führt an die neuen Sprungtürme, wo auch der erste Blick in die Schwimmgrube möglich war: „Vorher war´s hier gefliest, jetzt wird alles mit Edelstahl ausgekleidet“, erzählt Julia Rauh vom Architekturbüro und verspricht, dass das Wasser trotz der grauen Platten später blau schimmern wird.

Bilder der Schwimmbad-Besichtigung

Besichtigung der Schwimmbad-Baustelle

Kurz darauf wird klar, dass das Schwimmbad seine vormals rechteckige Form verliert: Weil der Schwallwasserbehälter ins Becken gelegt wurde, frisst ein großer quadratischer Einschnitt viel Schwimmfläche und damit auch Wasservolumen weg. Das führt dazu, dass die Sprunggrube und das nur noch 25 Meter lange Hauptbecken durch eine schmale, durchschwimmbare Passage verbunden ist. „Das wurde gemacht, um weniger Wasser zu benötigen. Das ist nämlich ein erheblicher Kostenfaktor“, flüstert eine Besucherin ihrer Begleiterin zu. „Durch diese Zerstückelung lassen sich doch gar keine Wettkämpfe mehr machen“, ruft Friedrich Aumann kritisch. „Doch. Aber eingeschränkt“, entgegnet Rauh und verweist auf fünf 25-Meter und drei 50-Meter-Bahnen. Letztgenannte ziehen sich durch den Schlauch. Verwunderlich ist, dass die erste 25-Meter-Bahn direkt auf eine Treppe zusteuert. „Für Wettkämpfe müssen wir dann woanders hin“, konstatiert ein Besucher und ruft damit ein ungläubiges Kopfschütteln seines Nachbarn hervor: „Warum geben wir soviel Geld aus, wenn wir dann woanders hinmüssen?“, wirft der ein. Beide sind überzeugt, dass die alte rechteckige Form nützlicher war. „Es gab ohnehin kaum Wettkämpfe. Deshalb wurden diese bei der Planung als zweitrangig angesehen. Das soll ja ein Spaßbad werden“, führt Rauh aus.

Modernes Edelstahl und alter Kutter

Beim Blick auf die bereits fest in den Boden integrierte „Jenny“ verschlägt es vielen Besuchern vor Begeisterung die Sprache. Harmonisch ist der 42-Meter lange Koloss am Beckenrand eingelassen und fügt sich wie angegossen in die Schwimmbad-Landschaft ein. Nicht allen Besuchern jedoch gefällt der Anblick: „Hier der moderne Edelstahl und da der alte Kutter“, sieht eine Frau einen optischen Widerspruch. „Ein netter weißer Bau wäre doch schöner als dieses Nostalgie-Geheische“ glaubt sie. Manfred van Bürk stößt auf, dass die Flanke von Jenny direkt am Beckenrand steil aufragt: „Bei einem Notfall kommt man auf dieser Seite gar nicht aus dem Wasser. Außerdem fühlen sich junge Leute animiert, vom Schiff aus ins Wasser zu springen“, mutmaßt der Hergershäuser.

Nach der Besichtigung des Technikraums in Jennys Bauch geht´s aufs Oberdeck. „Mit Sonnenstühlen lässt sich hier zukünftig von der weiten Welt träumen“, verlautet nun die Baustellen-Info. Die Badbesichtiger genießen sichtlich die erhöhte Aussicht und lauschen den Erklärungen von Rauh, wo das Kiosk hinkommt. Spitze Bemerkungen bleiben allerdings auch hier nicht aus: „Da gibt es dann frische Makrelen, aus einem Lautsprecher kommt Möwengeschrei und wer will, setzt eine Sauerstoff-Maske wie im Flugzeug auf und erhält salzhaltige Luft“, wird gescherzt.

Fazit der besucher ist unterschiedlich

Julia Rauh und ihre Kollegen müssen an diesem Tag mit vielen sarkastischen Bemerkungen leben. Wie sie sagen, wird die Sanierung oft zu negativ gesehen. Sie geben sich begeistert von Schiff und Entwurf. Selbst bis nach Wetzlar und in den nahen Schwalm-Eder-Kreis hätten TV und Zeitungen das Thema Jenny sowie das neue Schwimmbad der Gersprenzstadt gebracht: „Selbst hier oben bringt man mit dem Namen Babenhausen mittlerweile etwas besonderes in Verbindung“, sagen die Mittelhessen. Wie sie ergänzen, liege man derzeit voll im Zeitplan für die Eröffnung am 7. Mai kommenden Jahres.

Am Ende des Rundgangs fällt das Fazit der Besucher unterschiedlich aus: Viele sind von Bad und Schiff begeistert, andere stellen dem die wirtschaftliche Problematik gegenüber. Mehrere Besucher sehen mit Jenny einen Berg von Folgekosten auf die Stadt zukommen. „Ein heftiger Winter und man kann wieder pinseln. Da hat man sich Arbeit eingekauft“, bilanziert eine Frau. Die „kollosale Wasserflächenverkleinerung“ des Bades wird als zweites Manko betrachtet. „An heißen Tagen kann´s eng werden“, lautet eine weitere Prognose.

Allen Besuchern ist die Aussage gemein, dass der Tag der offenen Baustelle eine gute Idee war und viel Interessantes rüberbrachte. An den unterschiedlichen Pro- oder Kontra-Meinungen, mit denen viele herkamen und wieder abzogen, hat sich nichts geändert: „Jetzt lässt sich noch besser meckern oder die Sache befürworten, weil man´s gesehen hat“, bringt es eine Besucherin treffend auf den Punkt.

Quelle: op-online.de

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