„Man muss aufgeschlossen sein“

+
Mindy Ratner unterhielt sich mit Schülern der Joachim-Schumann-Schule.

Babenhausen - „Sag niemals nie“ – nicht immer dreht sich dieser Satz um den berühmten James-Bond-Film. Bei der Amerikanerin Mindy Ratner ist die Sache anders gelagert: Aufgrund des jüdischen Glaubens ihrer Familie musste diese einst vor dem Holocaust aus Deutschland fliehen. Von Michael Just

In Amerika schwor sich ihre Mutter nie mehr deutschen Boden zu betreten - und wollte das auch für ihre Kinder. An die Vorgabe hat sich ihre Tochter aber nicht gehalten: Zum Besuch von Freunden ist die 62-Jährige derzeit zum vierten Mal in der Bundesrepublik.

Zum Abstecher nach Babenhausen, der Geburtsstadt ihrer Mutter, gehörte ein Besuch im Rathaus, danach folgte ein Austausch mit Schülern der Joachim-Schumann- und der Bachgauschule. Das Treffen hatte der Heimat- und Geschichtsverein organisiert, der sich schon länger um Kontakte zu Nachfahren jüdischer Familien, die einst in der Stadt lebten, bemüht. Ratners Großeltern wohnten damals in der Fahrstraße 26 am Marktplatz (derzeit Sparkassen-Filiale). Die Wurzeln der Familie lassen sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Als 1932 der Baustoffhandel des Großvaters verwüstet und Julius Seewald 1933 in den Wald verschleppt und verprügelt wurde, folgte kurz darauf die Flucht nach New York.

Bei dem Besuch aus Amerika wurde deutlich, dass die Zeitzeugen des Nazi-Regimes fast ausgestorben sind. 1949 in New York geboren, erlebte Ratner das Dritte Reich schon gar nicht mehr persönlich mit. Selbst ihre Mutter war damals erst 15 Jahre alt. Auch wenn Ratner, die heute in Minnesota zuhause ist und als Radiosprecherin arbeitet, nach Kriegsende geboren wurde, weiß sie viel über das Schicksal jüdischer Flüchtlinge. In New York lebte sie als Kind mit Tausenden von deutschen Juden in Nachbarschaft. „Das war wie Klein-Frankfurt am Hudson-Fluss.“

Eltern verboten ihr die deutsche Sprache

Die Babenhäuser Schüler wollten vor allem wissen, mit welchem Gefühl sie heute nach Deutschland kommt: „Ich bin aufgeschlossen. Mit dem Denken meiner Mutter ist kein Fortschritt möglich, diese Haltung ist kontraproduktiv“, lautete die Antwort. Dazu sei die deutsche Vergangenheit die Lebensgeschichte ihrer Mutter und nicht ihre eigene. Über die Deutschen von heute hat Ratner eine gute Meinung: „Ich habe in den letzten Jahren niemanden erlebt, der mit mir als Jüdin ein Problem hatte.“ In Bezug auf andere Länder könne sie das nicht sagen.

Dass Ratner die Schreckensherrschaft der Nazis nicht miterlebte, mag der Grund dafür sein, dass während des Schulbesuchs zu keinem Zeitpunkt eine bedrückende Stimmung in der Luft lag. Auch andere Themen waren spontan möglich: So erzählte die Amerikanerin auf Anfrage, wie sie die Anschläge des 11. September erlebte. Als Weltbürgerin, die im Schmelztiegel New York groß wurde, empfahl sie den Jugendlichen Freundschaften mit Personen zu schließen, die eine völlig andere Herkunft, Hautfarbe oder Religion haben als man selbst.

Bei ihrem Besuch offenbarte die kleine Frau eine große Aura: Mal lachte sie herzhaft, dann hatte sie Tränen in den Augen. Auch wenn sie nur auf Englisch erzählte, da ihre Eltern die deutsche Sprache verboten, hingen ihr die Schüler an den Lippen. Die tiefe Enttäuschung ihrer Mutter über Deutschland führt sie vor allem auf die Reichspogromnacht zurück. „Obwohl Nachbarn wussten, was bevorsteht, wurde meine Familie nicht gewarnt.“ Das sei besonders schlimm gewesen, da einige Nachbarn als Freunde galten. Heute verbindet Ratner mit dieser Geschichte einen Aufruf zur Zivilcourage: „Man muss aufstehen und Dinge aussprechen. Nur dann ist man ein Held.“

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare