Marder als Blütenkiller

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Auf der Suche nach bunten Farbklecksen, die von Blumen und Pflanzen stammen, durchstreifte am Samstag morgen die Jury des Wettbewerbs „Blühende Altstadt“ das Babenhäuser Zentrum.

Babenhausen - Die Blumen, die in einem kleinen Topf auf einer Treppenstufe in der Amtsgasse stehen, dürsten nach Wasser, einige lassen in weitem Bogen ihre Köpfe hängen. Vertrocknete Blätter in bräunlicher Verfärbung haben sich bereits zwischen Gefäß und Wand angesammelt. Von Michael Just

„Den Topf hat man im Frühjahr hingestellt und dann einfach sich selbst überlassen“, sagt Wilhelm Spiehl und zuckt mit den Schultern. Am Samstag ging der Babenhäuser zusammen mit fünf weiteren Juroren, darunter dem bisherigen Ortsvorsteher Reinhold Gottstein und seinem Nachfolger Adolf Breer, der von Maria Steinmetz-Hesselbach vertreten wurde, auf Tour durch den Stadtkern. Im Rahmen des Wettbewerbs „Blühende Altstadt“ war es das Ziel, Häuserfassaden zu bewerten, die mit Blumen oder sonstigem Grün geschmückt die Passanten erfreuen.

In diesem Jahr findet die Prämierung, die auf einer Idee von Wilhelm Spiehl beruht und damit von Bürgerseite her initiiert wurde, zum dritten Mal statt. Da Pflanzen bekanntlich nicht alle gleichzeitig blühen, begab sich ein Teil der Jury bereits vor ein paar Wochen auf eine Runde, um die Frühlingsboten in Augenschein zu nehmen. Im vergangenen Jahr wurde für Geschäftsleute, die Blumen sprechen lassen, eine extra Bewertung eingeführt.

Das Haus der Familie Willand am Hexenturm: Auch diesmal sind die Gewinnchancen groß.

Schon beim Treffpunkt am Samstag morgen vor dem i-Punkt wurde klar, dass die Fahrstraße – mal vom Rathaus abgesehen – beim Blumenschmuck eher ein stiefmütterliches Dasein führt. „Da oben hängen zwar ein paar antike Eisenträger, aber es sieht nicht so aus, als ob darin in den letzten Jahren auch nur ein Blumenkorb befestigt war“, deutet Jury-Mitglied Wilfried Müller auf eine Fensterreihe im zweiten Stock. Ein ähnlich enttäuschendes Bild ergibt sich auch in der Neugasse, wo weitestgehend nackte Häuserfassaden ohne die erwünschten Farbkleckse das Bild beherrschen. „Der Anblick macht mich traurig. Hier ist alles so schön verwinkelt, wenigstens ein paar Geranien müssten dor hängen“, konstatiert Spiehl, der zuhause in der Ludwigstraße als Mann mit dem grünen Daumen gilt. „In der Neugasse weiß ich von Leuten, die erst kürzlich hergezogen sind und gleich eine Bank vors Haus gestellt haben“, lobt er.

Insgesamt konnte jedes Jurymitglied bis zu 30 Punkte in den Kategorien Zustand (Pflege, Blattgrün, Üppigkeit), Gestaltung (Ideen, Farbkomposition) oder Aufwand vergeben. Schon nach wenigen Metern stellt die Jury fest, dass es im Vergleich zum letzten Jahres mit den Blumen wohl eher etwas weniger statt mehr geworden ist.

„Es steckt halt doch viel Arbeit dahinter und die meisten Leute haben halt immer weniger Zeit. Dazu schreckt auch der neuerliche Vandalismus ab“, ist sich Maria Steinmetz-Hesselbach sicher. Das sehe sie auch in ihrem Wohngebiet, im Ost 2: So sei der Respekt und die Achtsamkeit vor Dingen, die jemand für alle geschaffen hat, deutlich zurückgegangen.

Eher selten ist der Fall, dass die lokale Fauna zum Verlust der Lust am Blühenden führt. So geschehen aber in der Altstadt, wo beim Rundgang zwei trogähnliche Fassungen gefunden werden, in denen leider nur die Erde, ein paar winzigen Steingarten-Gewächse sowie sprießende Knoblauchzehen ins Auge fallen. „Früher war hier alles dicht bewachsen bis sich ein Marder einnistete“, weiß Spiehl. Jetzt habe man auf Steingarten-Gewächse umgestellt und dazwischen Knoblauch gepflanzt, um die Nager geruchsintensiv von einer Rückkehr abzuschrecken.

Bei der Bewertung ließ es sich die Jury nicht nehmen, einen großen Bogen zu spannen: Selbst Haushalte, die nur einen einzigen Blumentopf vor dem Haus ihr eigen nennen, gingen in den Wertungsbogen ein. So wurden am Ende an über 65 Hausnummern Punkte vergeben.

Als Augenweide präsentierte sich erneut das Haus mit der Nummer 22 am Hexenturm. Seit Beginn des Wettbewerbs erreichte das schmucke Fachwerk von Gisela und Willy Willand mit seinen Hängegeranien an den Fenstern und dem Kaleidoskop aus einer Vielzahl von bepflanzten Blumenkästen und -töpfen, zu denen übergroße Fuchsien und ein Kräutergarten gehört, jedes Mal unangefochten den ersten Platz. Und auch in diesem Jahr sieht es zweifelsfrei nach „Durchmarsch“ aus. Mit dem Abonnement auf die Krone kommt mittlerweile von einigen Jurymitgliedern der Vorschlag, die Teilnahmebedingungen ein wenig zu modifizieren, so dass der Wettbewerb nicht langweilig wird. „Wie wäre es in diesem Fall mit einem Sonderpreis?“, schlägt Maria Steinmetz-Hesselbach vor. Selbst Gisela Willand ist der jährliche Titelgewinn fast schon ein bisschen zu viel: „Ich habe der Jury mitgeteilt, dass ich im nächsten Jahr außer Konkurrenz an den Start gehen will“, sagt sie lachend.

Das Refugium der Willands direkt vor der Haustür hat mit der Lage des Hauses zu tun: „Das grenzt direkt an die Stadtmauer, weshalb wir keinen Garten haben. Deshalb bleibt mir nur die Möglichkeit, vor dem Haus etwas zu schaffen“, sagt die Babenhäuserin. An einem anderen Wohnort habe sie mal einen Garten gehabt, jetzt am Hexenturm müsse sie sich auf Kübel reduzieren.

Dass die sich aber als wahre Augenweide präsentieren dafür hat Willand eine Erklärung parat, die kaum einleuchtender sein könnte: „Das zu pflegen bereitet mir pures Vergnügen und ist alles andere als eine Last.“

Die Gewinner des Wettbewerbs werden am Altstadtfest der Öffentlichkeit bekannt gegeben.

Quelle: op-online.de

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