„Menschen wie du und ich“

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Nora Gehrig (Mitte) will die Kunst von behinderten Menschen stärker in die Öffentlichkeit rücken.

Babenhausen ‐ „Unsere Kunst wird auch als Outsider–Kunst bezeichnet“, sagt Nora Gehrig über den Außenseiter-Status, den sie immer wieder zugedacht bekommt. Von Michael Just

Die Babenhäuserin widmet sich an ihrem Arbeitsplatz in Dieburg, dem „Verein für Behindertenhilfe”, einem ganz besonderen Projekt: Sie will die Kunst von Menschen mit geistiger Behinderung fördern und parallel in das öffentliche Interesse rücken.

„Man hat lange Zeit diesen Menschen abgesprochen, kreativ zu sein oder sich künstlerisch betätigen zu können”, sagt die Diplom-Pädagogin. Jetzt beweise man das Gegenteil und nutze die damit verbundenen Vorteile: „Kunst ist für uns ein ideales Medium, mit dem sich Behinderte in vielfältiger Form ausdrücken können.” In der Praxis stehen aber nicht die Werke selbst sondern ihr Entstehungsprozess im Vordergrund: „Kunst macht ruhig. Es ist erstaunlich, wie einige, die dauernd am Laufen sind, plötzlich eine Stunde still vor ihrer Aufgabe sitzen können”, erläutert Gehrig den therapeutischen Charakter.

Erfolgserlebnis der Künstler als wichtiges Ziel

Nicht selten lasse sich die Gemütslage der betreffenden Person am Bild ablesen. „Dieser Mann beschäftigt sich sehr mit seinen Angehörigen”, deutet sie auf ein Bild mit drei Figuren auf rotem Hintergrund. „Hier bringt er zum Ausdruck, dass er seine Familie sehr vermisst.”

Vor allem das Erfolgserlebnis der Künstler gilt als wichtiges Ziel: Eine Ausstellung bewirkt Stolz und dieser wächst noch mehr, wenn – wie schon passiert – Bilder verkauft werden.

Vor drei Jahren startete der Paritätische Wohlfahrtsverband in Darmstadt das Projekt „Behind Art“, in dem sich alle Verbände im Umkreis einbringen sollen. Jedes Jahr sind zwei große Ausstellungen vorgesehen. Sowohl das Landratsamt als auch das „Darmstadtium” dienten bereits als Plattform. Gehrig engagiert sich aber nicht nur bei „Behind Art”, sondern versucht, für die Dieburger Behindertenhilfe zusätzlich individuelle Ausstellungen zu konzipieren. Derzeit packt sie noch eine Ausbildung zur Kunstassistentin drauf.

Gebürtig in Bietigheim-Bissingen besuchte sie eine Waldorf-Schule. Nach dem Abitur folgte ein Pädagogik-Studium in Frankfurt. Seit 15 Jahren lebt die vierfache Mutter in Babenhausen. Über die Arbeit mit älteren Menschen kam sie vor zehn Jahren zu den Behinderten in die Wohnbetreuung.

„Eigentlich sind das Menschen wie du und ich“

Ihre anfängliche Frage, ob sie überhaupt in der Lage sei, mit geistig Behinderten zu arbeiten, konnte sie sich bald bejahen: „Eigentlich sind das Menschen wie du und ich, die Fähigkeiten und Unfähigkeiten haben.“ Zwar benötigten sie in manchen Bereichen mehr Hilfe, dafür seien sie im Gegenzug sehr offen, ehrlich, direkt und herzlich. „Das haben wir als Nicht-Behinderte verlernt“, hebt die Pädagogin heraus.

Mittlerweile sieht sie nicht mehr die Lücken, sondern die Persönlichkeit ihrer Schützlinge. Bei der Arbeit hat sie auch für ihr eigenes Leben gelernt, vor allem Geduld, „dass manchmal nicht alles so gehen muss wie ich es mir vorstelle.“ Auch wenn sie hin und wieder viel aushalten muss und ihre Arbeit reichlich Einfühlungsvermögen bedarf, ist ihr Fazit eindeutig: „Ob behindert oder aus einem anderen Kulturkreis: Jeder Mensch ist wertvoll.“

Outside-Künstler im Oktober in Darmstadt

Gemalt wird in verschiedenen Stilen, darunter in Acryl, Aquarell, mit Pastellkreide, Wachs- und Buntstiften. Die neue künstlerische Ausrichtung geht Gehrig neben ihrer Betreungsarbeit an, denn wie so oft fehlt für eine nachhaltige Umsetzung das Geld. „Wir haben kein Atelier”, sagt sie. Durch Spenden oder Sponsoren geht die Hoffnung einher, bald den sachlichen und personellen Rahmen zu verbessern. Bei vier Ausstellungen war sie dieses Jahr schon beteiligt, jetzt soll in einer Babenhäuser Arztpraxis eine weitere folgen. Im Oktober ist sie mit ihren „Outsider”-Künstlern an der Kunsthochschule Darmstadt zu Gast, im Dezember führt sie ihre Schützlinge auf die Spuren von Matisse.

„Kunst mit und von Menschen mit Behinderung ist etwas ganz Schönes“, sagt Gehrig. Wie sie bedauert, zeige die Öffentlichkeit daran noch geringes Interesse. Sie hofft, dass sich das ändert. Derzeit hat sie eine Idee vor Augen, öffentliche Schulen an Menschen mit geistiger Behinderung durch gemeinsame Projekte heranzuführen. „Mit uns kann man was machen“, lautet die Zielausrichtung. Denn eines bittet Gehrig nicht zu vergessen: „Das Thema Integration gilt nicht nur in punkto Migration, sondern auch bei den Menschen mit Behinderung“.

Quelle: op-online.de

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