„Menschen werden immer älter“

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Zum 30. Geburtstag geht der hiesigen Sozialstation die Arbeit nicht aus. Im Gegenteil, der Bedarf ist immens.

Babenhausen (cor) - Was tun, wenn im Alter nicht mehr alles  zu bewerkstelligen ist? Wenn Angehörige nicht mehr da, nicht in der Nähe oder selbst schon alt sind? „Vor 1981 haben in der Gegend allenfalls Gemeindeschwestern nach diesen Leuten gesehen“, erinnert sich Sigrid Sehnert. Von Cora Werwitzke

In jenem Jahr, vor nunmehr exakt drei Dekaden, schlug die Geburtsstunde der Sozialstation Babenhausen-Schaafheim. .

Die Anzahl der Patienten, die seitdem von professionellen Fachkräften der Sozialstation versorgt und gepflegt wurden, geht in die Tausende. „Momentan betreuen wir über 200 Menschen, größtenteils mehrmals täglich“, schildert Pflegedienstleiterin Christine Kolb, die einer Gruppe von 30 Pflegekräften vorsteht. Dass heute alles einige Nummern größer ist, verstehe sich dabei von selbst. „Los ging es mit sechs Halbtagskräften. Sie fuhren damals noch mit ihren Privatautos zu den Patienten“, erzählt Sigrid Sehnert, die seit mehr als 20 Jahren in der Verwaltung tätig ist.

Seit 1981 ist der ambulante Pflegedienst vier Mal umgezogen: Angefangen in der Danziger Straße, war er später in der Stadthalle, dann im Rathaus und schließlich am aktuellen Standort im Sparkassengebäude in der Frankfurter Straße untergebracht. 17 Dienstwagen gehören zum aktuellen Fuhrpark. Wesentlichen Anteil an der Gründung der Sozialstation in den frühen 80er Jahren habe der damalige Bürgermeister Norbert Schäfer gehabt, betont Sigrid Sehnert. „Es war ihm eine Herzensangelegenheit, die ambulante Versorgung der Bürger flächendeckend sicherzustellen.“

Auf rund 50 pro Tag schätzt Sehnert die Größenordnung an Patienten in den Auftaktjahren. „Ein Teil von ihnen übernahmen wir damals von den Schaafheimer Gemeindeschwestern“, berichtet die Mitarbeiterin. Schon damals standen einerseits ärztlich verordneten Maßnahmen, wie beispielsweise das Verabreichen von Spritzen oder das Anlegen von Verbänden, und anderseits die pflegerische Tätigkeiten, allen voran das Waschen der Patienten, im Fokus.

Bedarf steigt stetig

Das ist auch heute noch so. Aber: „Der Bedarf steigt stetig an“, so Christine Kolb. „Die Menschen werden älter und die familiären Gegebenheiten haben sich im Laufe der Zeit verändert. Wir stellen fest, dass es immer mehr Alleinstehende gibt, dass sich zum Beispiel die Kinder wo ganz anders niedergelassen haben.“ Auch Krankenhäuser entließen ihre Patienten heutzutage früher, als noch vor 30 Jahren, ergänzt Sigrid Sehnert. „Auch wegen des Kostendrucks“, deutet sie an.

Die Einführung der Pflegeversicherung 1994 bedeutete für die Sozialstation einen Einschnitt. „Als ich anfing, gab es zu jedem Patienten ein Blatt auszufüllen“, erinnert sich Christine Kolb schmunzelnd, die seit 1987 bei der Sozialstation beschäftigt ist. Im Grunde hätte man sich zum damaligen Zeitpunkt nicht zwangsläufig intensiv auf jeden Patienten einlassen müssen. „Heute sind es...“, die beiden Frauen wenden sich zum Regal um, und zählen durch. „Heute sind es etwa 25 pro Patient“, bringt die Pflegedienstleiterin den Satz zu Ende. Früher sei gemacht worden, was eben nötig war, mit der Pflegeversicherung sei der Begriff „Pflege“ aufgedröselt worden, erläutert Sigrid Sehnert. Auf die Frage, wie viel Arbeitsaufwand die Bürokratie mittlerweile ausmacht, müssen beide Mitarbeiterinnen erstmal grübeln. „Ich würde sagen, anfangs verbrachte ich fünf Prozent meiner Arbeitszeit damit, Dokumente auszufüllen“, antwortet Christine Kolb. „Heute dürften es 20 bis 30 Prozent sein.“

Viele Erlebnisse

Ist die Pflegedienstleiterin bei einem neuen Patienten zu Gast, steht zunächst eine detaillierte Bestandsaufnahme auf dem Programm. „Einige sind erstmal erstaunt, was wir alles wissen wollen“, schildert Kolb augenzwinkernd. Viele fühlten sich aber auch ernst genommen. „Generell denke ich, dass die genaue Dokumentation den Patienten zu Gute kommt“, so Kolb. „Denn ich bin als Pflegekraft gefordert, genau hinzuschauen und mich intensiv mit den Bedürfnissen, Wünschen und Zielen der Menschen zu beschäftigen.“

Erlebt haben beide Frauen über die Jahre schon viel. „Es gibt Dinge, von denen glaubt man nicht, dass es sie gibt“, versichert Christine Kolb. Von wohlhabend bis mittellos, von jung bis über 100 Jahre sei unter den Patienten alles dabei gewesen. Abgelehnt wurden in den drei Dekaden, die es die Sozialstation nunmehr gibt, maximal eine Handvoll Antragssteller. Besonders in Erinnerung geblieben ist den Frauen ein obdachloser Patient. „Wir konnten ihn ja schlecht zu Hause aufsuchen, also bekam er seine Insulinspritzen in der Einsatzstelle oder an einem verabredeten Ort“, erzählt Kolb. Über die Ämter, mit denen die Sozialstation im engen Kontakt steht, sei schließlich eine Bleibe für diesen Herrn organisiert worden. „Wenn wir den Austausch mit Ämtern dazurechnen, macht der bürokratische Aufwand über 30 Prozent aus“, korrigiert sich Christine Kolb, lehnt sich zurück und ergänzt: „Aber wie man an dem Beispiel sieht, lohnt sich auch das.“

Quelle: op-online.de

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