Prozess wegen Totschlags

Messerattacke: Opfer nimmt Täter in Schutz

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Bild vom damaligen Tatort in Babenhausen.

Darmstadt/Babenhausen - Wegen versuchten Totschlags muss sich ein 55-jähriger Babenhäuser vor dem Landgericht Darmstadt verantworten. Beim gestrigen Prozessauftakt nahm seine Ehefrau, die er mit Küchenmessern schwer verletzte, die Verantwortung für die Tat auf sich. Von Sabine Müller 

Das Medieninteresse war groß, als der Angeklagte, der zur Zeit in der JVA Weiterstadt einsitzt, mit Handschellen in den Saal geführt wurde. Die Staatsanwaltschaft wirft Sultan U. vor, mit seiner in Trennung lebenden Ehefrau am 18. Dezember 2016 gestritten zu haben. Dabei soll er mit zwei Küchenmessern auf sie eingestochen und auch ihre beiden Schwestern verletzt haben, die ihr helfen wollten. Seine Ehefrau, die nur überlebte, weil sie nach der Attacke notärztlich versorgt worden war, hatte ihre Nebenklage zurückgezogen Sie trat am gestrigen ersten Verhandlungstag als Zeugin auf, fiel ihrem Mann um den Hals und hielt für ihn ein „flammendes Plädoyer“, wie der Vorsitzende Richter Volker Wagner formulierte.

In ihrer Aussage betonte die 50-jährige E., die seit 2007 mit dem türkischen Staatsangehörigen verheiratet ist, er sei ein modern eingestellter Mann. Habe sie nach Kräften unterstützt, als sie ihre demente Mutter pflegte, die 2014 verstarb, und das Haus renoviert, das sie gekauft hatte. Durch den Tod ihrer Eltern und Schulden, die sie zwangen, das Haus zu verkaufen, sei sie nervlich am Ende gewesen, schilderte die Ehefrau. „Ich bin schuld an seiner Tat, habe ihn in meine Probleme reingezogen und ihn erniedrigt.“ Er habe sie nicht töten wollen, es sei ein Hilferuf gewesen, den sie zu verantworten habe. Von der Scheidung nehme sie jetzt Abstand, würde ihn auch wieder in der Wohnung aufnehmen.

Zur Tat kam es laut der Aussage mehrere Zeugen, weil der mutmaßliche Täter seiner Frau ein außereheliches Verhältnis vorwarf und Geld aus dem Hausverkauf verlangte. Am Tattag soll E., die zuvor bei ihrer Schwester übernachtet hatte, im zweigeschossigen Wohnhaus auf ihren Mann getroffen sein. Dieser stach im Treppenhaus mit zwei Küchenmessern an die 15 Mal auf sie ein, verletzte dann eine ihrer beiden Schwestern, die ihr helfen wollte, mit dem Messer an der Schulter und attackierte eine weitere Schwester, die sich im Obergeschoss ins Bad geflüchtet hatte.

Die 47-jährige Schwester S. schilderte danach, dass der Tatverdächtige seine Frau schon öfter geschlagen, beleidigt und bedroht habe. Während der Tat sei ihr Schwager mit den Worten „ich bringe dich um, ich bringe euch beide um“ die Treppe hinauf gestürmt, habe die Badtür eingetreten, hinter der sie sich verschanzt hatte und auch auf sie eingestochen und an den Armen verletzt. Sie habe gefleht: „Mach mir nix, ich habe Kinder!“ und versucht, die Klingen festzuhalten. Dann sei ihr die Flucht nach draußen gelungen; auf der Straße habe sie um Hilfe gerufen. Noch heute habe sie Schmerzen und Taubheitsgefühle in den Händen, schilderte S. Die zweite Schwester D. hat laut Vorsitzendem Richter von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht und will im Prozess keine Angaben machen.

Im weiteren Verlauf der Verhandlung bestätigten drei Anwohner die Verfolgung auf der Straße. Ein Nachbar verständigte die Polizei, die den Angeklagten noch in Tatortnähe festnahm. Auch zwei Umzugshelfer wurden vernommen, die an jenem Sonntag die Wohnung ausräumen wollten und die Tat verfolgten, jedoch nicht eingriffen.

Da die verletzten Schwestern in unterschiedlichen Kliniken versorgt wurden, waren drei Ärzte als medizinische Sachverständige geladen und machten Aussagen zu Anzahl und Art der Stichverletzungen. Diese waren bei der Ehefrau lebensgefährlich, da sie in Leiste und Brustkorb getroffen wurde. Richter Wagner erklärte gegenüber dem Angeklagten: „Das ist massiv, was Sie da veranstaltet haben.“ Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.

Prozess um tödlichen Messerangriff auf Polizisten

Quelle: op-online.de

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