Demnächst aus Pfungstadt?

Traditions-Biermarke Michelsbräu wechselt Besitzer: Kauf besiegelt

Mittlerweile ein Denkmal: das ehemalige Sudhaus der Michelsbräu am Rand der Babenhäuser Altstadt.
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Mittlerweile ein Denkmal: das ehemalige Sudhaus der Michelsbräu am Rand der Babenhäuser Altstadt.

In Babenhausen wird schon lange kein Bier mehr gebraut. Aber die Traditionsmarke Michelsbräu soll erhalten werden: Die Pfungstädter kauft sie auf.

Update vom Montag, 08.02.2021, 12.57 Uhr: Dass die Pfungstädter Brauerei den Konkurrenten Michelsbräu übernimmt, hatte die Senior-Geschäftsführerin von Michelsbräu bereits bestätigt. Jetzt ist auch klar, wann die Brauerei aus Babenhausen Teil der Traditionsbrauerei Pfungstädter wird: am 1. März, wie das Unternehmen mit Sitz in Pfungstadt im Kreis Darmstadt-Dieburg am Montag (08.02.2021) mitteilt.

Die 120 Kunden von Michelsbräu sollen übernommen werden, nicht aber deren sechs Mitarbeiter. Wie viel der Kauf die Pfungstädter gekostet hat, gab diese nicht an.

Babenhausen: Michelsbräu bald in der Hand der Pfungstädter – Bisher wenige Informationen

Erstmeldung vom Sonntag, 07.02.2021, 14.32 Uhr: Babenhausen - In unterfränkischen Brauerkreisen ist schon Ende Januar darüber gemunkelt worden, was Michelsbräu-Senior-Geschäftsführerin Susan Schubert jetzt auf Nachfrage dieser Zeitung grundsätzlich bestätigt hat: Die Pfungstädter Brauerei übernimmt die Traditionsmarke Michelsbräu, die zuletzt am einstigen Stammsitz Babenhausen lediglich noch eine Vertriebsdrehscheibe unterhalten hat. Zu Details „möchten wir zum jetzigen Zeitpunkt keine Stellungnahme abgeben“, heißt es auf weitere Nachfragen. Auch die Geschäftsführung der Pfungstädter Brauerei Hildebrand GmbH Co. KG hüllt sich in (beredtes?) Schweigen.

Die Transaktion steht nämlich in Zusammenhang mit einer Personalie: Nach 30 Jahren ist der Prokurist und Vertriebsleiter Reiner Strohfuß von der Michelsbräu am 1. Februar zur Pfungstädter gewechselt. Auch von ihm war bislang keine Stellungnahme zu erhalten.

Überraschender Personalwechsel: Von Michelsbräu zur Pfungstädter – die fast am Boden war

Die Nachricht überrascht zu einem Zeitpunkt, nachdem die Pfungstädter mit knapper Not dem Untergang in der Insolvenz entgangen ist, die Gläubiger mit dem Erlös aus dem Verkauf des weitläufigen Betriebsgeländes in innerstädtischer Filetlage befriedigt werden können und mit der Übernahme durch den Seeheim-Jugenheimer Anlagenbauer Uwe Lauer erst kurzfristig eine Perspektive durch Neubau der Brauerei in etwas kleinerem Maßstab an anderer Stelle im Stadtgebiet eröffnet worden ist.

Allerdings scheint der neue Inhaber die Neuausrichtung in Riesenschritten voranzutreiben. So ist zum Jahresbeginn mit Peter Winter neben Stefan Seibold ein zweiter Geschäftsführer eingestellt worden, der sich vor allem um den Brauerei-Neubau auf einem 10 000 Quadratmeter großen Grundstück am Rand von Pfungstadt kümmern soll. Und es darf nun vermutet werden, dass auch der Vertrieb durch die Akquisition eines zusätzlichen Kundenstamms neu geordnet und erweitert werden soll, um der „neuen Pfungstädter“ eine breitere Basis zu geben.

Erst ein Mitarbeiter, dann die ganze Brauerei: Michelsbräu künftig Teil der Pfungstädter Brauerei

Dabei bleibt vorerst undeutlich, welche Rolle Strohfuß mit seinem Wechsel von der Michelsbräu zur Pfungstädter spielt. Es gibt ein Anschreiben der Michelsbräu-Geschäftsführung an die rund 250 Vertragskunden in der Region, die vermutlich den wichtigsten Vertriebskanal der Michelsbräu darstellen. Susan Schubert hat es dieser Zeitung zur Verfügung gestellt. Darin heißt es: „Einschneidende Ereignisse [...] veranlassen meine Tochter und mich, die zukünftige Ausrichtung der Michelsbräu und die Zusammenarbeit mit unseren Kunden neu zu gestalten. [...] Entscheidend bei unseren Überlegungen war hierbei, dass Herr Reiner Strohfuß für sich entschieden hat, unser Unternehmen zum 31. Januar 2021 zu verlassen, um zukünftig für die Pfungstädter Brauerei zu arbeiten.“

Ob wirtschaftliche Aspekte eine Rolle gespielt haben, ob Strohfuß lieber auf ein Unternehmen setzt, das gerade neu aufgestellt wird, statt in Traditionen zu verharren, ob es seitens der Pfungstädter sogar finanzielle Lockungen gab, um einen Mitarbeiter mit derart detaillierten Kenntnissen des Michelsbräu-Vertriebs – und damit quasi den Kundenstamm – zu übernehmen, hätte dieses Medienhaus gern von ihm selbst erfahren. Eine Anfrage via Mailbox blieb allerdings bislang ohne Antwort.

Viele offene Fragen zur Geschäftsbeziehung zwischen der Pfungstädter und Michelsbräu

Schubert informiert ihre Kunden über die Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit der Pfungstädter Brauerei. „Mit ihr und Herrn Strohfuß haben Sie einen Partner, der bereit ist, mit Ihnen die vertrauensvolle und erfolgreiche Geschäftsverbindung fortzuführen und in die bestehenden Verträge einzutreten.“

Fließt also aus den Michelsbräu-Zapfhähnen künftig Pfungstädter? Wird die Pfungstädter künftig Michelsbräu brauen? Oder wird dies weiter – wie seit einigen Jahren – in der ebenfalls zum Schubert-Imperium gehörenden Brauerei Max Bender in Arnstein gebraut und dann über die Pfungstädter vertrieben? Auch auf diese Fragen wollte die Senior-Geschäftsführerin „zum jetzigen Zeitpunkt“ keine Antworten geben. (sr)

Die Geschichte von Michelsbräu wird nicht nur von dritter Hand mitbestimmt, sondern auch niedergeschrieben. Ende vergangenen Jahres hat der Heimat- und Geschichtsverein Babenhausen das Buch „Bier – Brauereien – Babenhausen“ veröffentlicht, in dem sich Autor Joachim Heinzmann natürlich auch mit Michelsbräu befasst. Die Brauerei kann auf eine 200-jährige Historie zurückblicken.

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