Mobile Pflege: Ermuntern, nicht bemuttern

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Trost, Zuspruch und Motivation sind das wichtigste Werkzeug, um Pflegebedürftige im häuslichen Bereich zu mobilisieren. Pflegedienstleiterin Regina Voge hat trotz der Vorgabe von Zeitkorridoren immer ein Ohr für ihre Kunden.

Schaafheim/Babenhausen - Morgens 7. 30 Uhr: Regina Voge beginnt ihre Tour durch Schaafheim und die Ortsteile. Fünf Kunden nehmen Pflegeleistungen in Anspruch. Die Pflegedienstleiterin der Bethesda mobile Pflege ist schon seit 6 Uhr bei Kunden in Babenhausen unterwegs. Von Nicole Damm-Arnold

Und sie muss den Zeitplan einhalten: Sieben Minuten zum Anziehen von Kompressionsstrümpfen, 25 fürs Baden oder 20 für Grundpflege, fünf Minuten für die Medikamentengabe. Die Zeitkorridore geben die Pflegekassen vor.

„Bei einigen Leistungen ist die Zeit knapp bemessen. Wir arbeiten nicht nach Uhr, wir machen eine Mischkalkulation“, erklärt die 50-Jährige. Wenn Voge für die Medikamentengabe also nur eine Minute braucht, kann sie beim Baden eines Kunden vier Minuten drauf packen. Besonders wenn Pflegebedürftige oder deren Angehörige Gesprächsbedarf haben, sei diese Kalkulation von Vorteil. Zeit für ein persönliches Gespräch bleibe kaum noch. „Die zunehmende Bürokratie und Dokumentation nimmt das zwischenmenschliche Miteinander, das in diesem Beruf doch eigentlich das Wichtigste ist“, klagt die Pflegefachkraft.

Plaudern ist ein wichtiger Faktor

Seit Januar können die Kunden laut dem Pflege-Neuausrichtungsgesetz selbst entscheiden, ob sie mit dem Pflegedienstleister nach Modulen mit vorgegebener Zeit oder nach tatsächlich geleisteter Zeit abrechnen. Voge steht dem neuen System kritisch gegenüber: „So bleibt das Zwischenmenschliche vielleicht noch mehr auf der Strecke.“

Plaudern ist ein wichtiger Faktor, um Nähe zu schaffen. Wie das Wetter wohl wird, ob es noch einmal Schnee gibt oder ob der Frühling einzieht – darüber unterhalten sich Helga Schilling (Name aller Kunden geändert) und Regina Voge auf dem Weg zum Badezimmer. Ein Scherz mit dem Ehemann Reiner lockert die geschäftige Situation.

Zurzeit sind fünf Mitarbeiterinnen mit den gelben Autos und dem grünen Kringel darauf unterwegs. „Demnächst übernehmen wir eine hauswirtschaftliche Versorgung, für die ich mein Team noch einmal erweitern muss“, erklärt Voge.

Schnellstmöglich auf die Beine kommen

Bis vor einem Jahr war bei Rosemarie Dornbach noch alles in Ordnung, bis ein Sturz der 85-Jährigen die mobilen Damen ins Haus rief. Viele Medikamente erzeugten bei der Patientin zusätzlich enormes Unwohlsein. „Zwei Mal pro Woche fuhr ich zur behandelnden Ärztin zum Gespräch. Wir haben es geschafft, die Medikation auf ein verträgliches Maß zu dosieren“, erklärt die Pflegerin.

Auch das gehört zu den Aufgaben einer mobilen Pflege. Nicht immer leicht, wie Voge versichert, aber die Pflegekräfte sind auf die Zusammenarbeit mit den Ärzten angewiesen. „Schließlich wollen wir vor allem, dass die Kunden beweglicher werden und sich vielleicht eines Tages wieder selbst vorstehen können.“

Das ist auch das vorrangige Ziel der Pflegekräfte. Kunden und Patienten werden laut der Pflegedienstleiterin nicht „bemuttert“, sondern ermutigt und nach Möglichkeit mobilisiert. „Ob es das tägliche Kämmen ist, das selbstständige Aufstehen aus dem Bett oder das Waschen – kleine Fortschritte sind es, die das Selbstwertgefühl steigern und damit den Willen, zu Hause wohnen bleiben zu können.“

Schnellstmöglich auf die Beine kommen möchte eine Kundin aus Mosbach. Nach einer schweren Operation ist sie verzweifelt, weil sie noch nicht so kann, wie sie eigentlich möchte. Einfühlsam ermutigt die Pflegedienstleiterin die Kundin, Geduld zu haben und erst einmal das zu tun, was ihr gut tut. „Die nötige Anfrage bei der Kranken- oder Pflegekasse erledigen wir für sie.“ Zuversichtlich hält sie die Hand der Mosbacherin und sagt: „Wir werden uns schon aufeinander einstellen.“ Zuspruch, so Voge, sei der erste Schritt zur Genesung und Grundstein für ein gutes Pflegeverhältnis. Deshalb instruiere sie ihre Pflegekräfte, immer ein Ohr für die Sorgen und Nöte der Kunden und deren Angehörige zu haben. Und kleine Extrawünsche, wie eine kleine Besorgung auf dem Weg zum Kunden, sind auch schon mal drin.

Regina Voge hat den Wechsel von der stationären in die mobile Pflege nie bereut. „Die Leute leben eigenverantwortlich und haben dadurch viel mehr Motivation, schneller auf die Beine zu kommen. Am besten gefällt mir, dass sie der Herr oder die Frau im Haus sind und uns sagen, wo es lang geht. Im mobilen Bereich ist so der Dienstleistungsgedanke viel mehr gewahrt“, sagt sie.

Quelle: op-online.de

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