"Wichtelwald" schließt früher

Kita-Besuch wird zum morgendlichen Glücksspiel

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Verwaist ist nachmittags derzeit das Außengelände der Kindertagesstätte „Wichtelwald“ an der Jürgen-Schumann-Straße. Der Grund: Die Betreuungszeit endet spätestens um 13.30 Uhr.

Babenhausen – Für berufstätige Eltern ist es morgens eines der denkbar schlechtesten Szenarien: Wegen zu vieler kranker Erzieher muss die Kindertagesstätte früher schließen. Betroffen davon ist derzeit die Kita „Wichtelwald“. Die Betreuungszeit endet in dieser Woche bereits um 13.30 Uhr. Von Norman Körtge 

„Es ist die dritte Woche angebrochen, in der die morgendliche Fahrt der Kinder in die Kita zum Glücksspiel wird. Auf der Fahrt überlegen die Eltern schon, ob sie auf der Arbeit einen wichtigen Termin haben, ein Meeting oder eine Telefonkonferenz am Nachmittag, die Gefahr läuft auszufallen. Der Moment, wenn man die Kita betritt und schon eine gespenstige Stille wahrnimmt, lässt nichts Gutes erahnen. Die Leiterin der Kita kommt mir mit den Worten entgegen der ‘worst case‘ ist eingetreten“ – so beginnt das von Dominik Stadler verfasste Schreiben an die Redaktion. Drei Erzieherinnen in der Kita „Wichtelwald“ haben sich krank gemeldet, Eltern werden gebeten, ihre Kinder, wenn möglich, gleich wieder mitzunehmen oder bis spätestens 13.30 Uhr abzuholen.

Fast anderthalb Seiten hat der Vater heruntergetippt, um seinen Ärger und der vieler andere Eltern Luft zu machen. Waren die Wochen im Januar bereits von dieser tagtäglichen Ungewissheit geprägt, ist die laufende Woche nun zumindest „planbar“ geworden: Seit Montag und bis zum morgigen Freitag bleibt die Kindertagesstätte an der Jürgen-Schumann-Straße teilgeschlossen. Die Betreuungszeit endet an allen Tagen um 13.30 Uhr.

Für die Eltern bedeutet dies, den Tages- oder gleich den ganzen Wochenplan umzugestalten, wenn verfügbar die Großeltern oder den Babysitter anzurufen, ob sie die Betreuung übernehmen können, „in der Hoffnung noch ein paar Stunden arbeiten zu können“, wie Stadler schreibt. Denn die Arbeitgeber hätten auch nicht unendlich Verständnis. Und wenn man Selbstständig ist, verdient man gar kein Geld.

Was Stadler vor allem frustet und nervt, ist, dass niemand das Problem der dünnen Personaldecke angehen will oder kann: Er kontaktiert den Arbeiter-Samariter-Bund als Betreiber der Kita „Wichtelwald“ sowie sieben weiterer städtischer Einrichtungen und den städtischen Fachbereich „Familie und Soziales“. Der „Schwarze Peter“ würde immer weiter gereicht. Die Personalverantwortung trage der ASB, dass Budget dafür komme aber von der Stadt. „Die Problematik ist ja nicht neu“, kritisiert Stadler. Eine Kita-AG ist gegründet worden, im Sozialausschuss werde darüber gesprochen und alle politischen Parteien sind informiert. Aber es passiere nichts.

„Die Eltern können also feststellen, dass keiner an der Misere schuld ist“, resümiert Stadler ironisch. Es sei daher auch nicht verwunderlich, dass der Ton seitens der Eltern rauer werde: gegenüber ASB und Stadtverwaltung.

Dass die Situation für die Eltern alles anders als schön sei und sie in ihrer Planungssicherheit beschnitten würden, bestreiten auf Anfrage weder ASB-Bereichsleiterin Martina Barz noch der städtische Hauptamtsleiter Sebastian Fuß. Wegen derzeit vieler Krankheitsfälle gebe es in Babenhausen keine verfügbaren Ressourcen und damit seien keine Personalverschiebung möglich, bedauert Barz. Sie führt zwar auch als einen der Gründe die städtischen Einsparungen an, aber eben auch den Fachkräftemangel. Derzeit fehle es in der Gersprenzstadt an Erziehern, die die Stundenzahl von vier Vollzeitstellen besetzen könnten, berichtet Barz. Darauf verweist auch Fuß: Selbst wenn mehr Stellen genehmigt wären, wäre die Frage, ob diese überhaupt besetzt werden könnten.

So können Eltern das kindliche Selbstbewusstsein stärken

Kritik kommt derweil von „Wichtelwald“-Kitaleiterin Sabine Penther sowohl am Kinderförderungsgesetz (KiföG) als auch an den Entscheidungsträgern in der Stadt. Zum einen sei der im Gesetz genannte Mindeststandard zu gering. Der Personalmehrbedarf für Ausfallzeiten werde im KiföG nämlich mit nur 15 Prozent berechnet. Viel zu wenig, meint sie. Zum anderen fordert sie aber auch die Stadt auf, diesen Mindeststandard deutlich zu überschreiten: „Es muss investiert werden.“

Den Elternbeirat hat Penther dabei offensichtlich hinter sich: Wie Jessica Osojnicki mitteilt, fordert dieser „alle Parteien zu einer schnellen, konstruktiven Lösung auf, damit die Kinderbetreuung in Babenhausen auch zukünftig auf einer soliden, verantwortungsvollen Basis sichergestellt werden kann.“ Der Elternbeirat befinde sich im konstruktiven Dialog mit der Kita-Leitung und den Erziehern, berichtet Osojnicki.

Quelle: op-online.de

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