Letzter Müllerlehrling zu Besuch

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Dr. Wilfried Heltzel (links) warf während seiner Führungen einen Blick zurück, als er in der Langsfeldmühle drei Jahre lang den Beruf des Müllers lernte.

Hergershausen - Was hat der Münchner Wilfried Heltzel mit der Langfeldsmühle in Hergershausen zu tun? Die Antwort ist nicht einfach, weshalb sie im Babenhäuser Stadtteil nur noch ein paar Vertretern der älteren Generation bekannt ist: Sein Urgroßvater kaufte einst um 1900 die Mühle. Von Michael Just

Und der spätere Arzt war in den 1960er Jahren der Letzte, der den Beruf des Müllers in der heute denkmalgeschützten Hofreite erlernte.

Am Wochenende kam der 69-Jährige extra aus der bayerischen Landeshauptstadt, um in Hergershausen beim Deutschen Mühlentag 2012 dabei zu sein. Seit 1994 veranstaltet den die Deutsche Gesellschaft für Mühlenkunde und Mühlenerhaltung. In allen Bundesländern luden wieder zahlreiche historische Mühlen, darunter Wind- Wasser- Ross-, Göpel- oder Motormühlen zu einem Tag der offenen Tür, um der interessierten Öffentlichkeit die Bedeutung und die Funktion der „ältesten Kraftmaschine der Menschheit“ zu präsentieren. Schließlich reicht deren Geschichte als technische Denkmäler über 2 000 Jahre zurück.

Beim strahlendem Wetter drehten die Kinder einige Runden auf dem Rücken der geduldigen Ponys.

In Hergershausen hatte Besitzer Thomas Winter ein Unterhaltungsprogramm mit dem Blasorchester vom lokalen TV, Kutschfahrten, Ponyreiten, Vorführungen eines Korbflechters, eines Malers oder der Pferde-Menschen-Kommunikation von Judith Mauss organisiert. Eröffnet wurde der Tag mit einem Gottesdienst. Dazu bot Wilfried Heltzel Führungen an der Stätte seiner Kindheit an. Mit der nochmaligen Vergrößerung des Sitzplatzangebots vor der Mühle hatte Winter das richtige Gespür, denn die alte Hofreite, die als Kleinod gilt, erlebte am Pfingstmontag bei wolkenlosem Himmel einen regelrechten Ansturm von Hunderten von Menschen, so dass Tische und Bänke immer wieder zur Mangelware wurden.

Beruf Müller stirbt nicht aus

Bevor Heltzel am Abend wieder zurück nach München fuhr, berichtete er Unzähliges aus seinem Wissensfundus. So mahlte die Mühle einst drei Tonnen Getreide in 24 Stunden. Der Mühlstein lief rund um die Uhr und ein Mühlenbursche schlief in direkter Nähe in seinem Bett um die reibungslose Funktion zu überwachen. „Nach dem Krieg wurde mehr Weizen statt Roggen gemahlen, weil die Amerikaner gerne helles Brot aßen“, erinnerte der 69-Jährige. Als der letzte seines Standes konnte Heltzel in den 1960er Jahren das große Mühlensterben nicht verhindern. Das ereilte auch die Langfeldsmühle, weil Kleinbetriebe, die als „Lohnmüllerei“ das Getreide gebracht bekamen, nicht mehr konkurrenz- und lebensfähig waren. Großbetriebe, die das Getreide in riesigen Mengen aufkauften, besiegelten deren Ende. Wirtschaftliche und private Probleme führten dann 1968 zum Verkauf der Mühle durch Heltzels Großmutter. Ein Fabrikant erwarb sie und wollte sie wiederbeleben, scheiterte aber mit seiner Idee. So drehte sich das Mühlenrad 1970 zum letzten Mal.

Heltzel verließ den Ort, wo er aufgewachsen war, und ging nach München, um Medizin zu studieren. „Heute gibt es wieder rund 300 Müller-Lehrlinge in Deutschland, damit einer der ältesten Berufe der Menschheit nicht ausstirbt“, erzählte der Wahlmünchner nicht ohne Stolz über die jüngsten Entwicklungen. Seine Nachfolger arbeiten heute in Großmühlen mit moderner Technik. Und „Müller“ wird der Beruf auch nicht mehr genannt: Die zuständigen Berufsverbände kamen zu der Überzeugung, dass die alte Bezeichnung die heutigen technologischen Anforderungen nicht mehr widerspiegelt. Mit der Reform der Ausbildungsordnung ging zusätzlich eine Namensänderung einher: Aus dem Müller wurde der „Verfahrenstechnologe in der Mühlen- und Futtermittelwirtschaft“.

Quelle: op-online.de

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