Quittenlikör verhilft zur Flucht

Babenhausen - Das Babenhäuser Schloss war einst nicht nur Residenz für Grafen und Adel: Im 19. Jahrhundert nutzte man seine dicken Mauern als Militärgefängnis, wovon in unserer Serie bereits die Geschichte von Christian Adalbert Kupferberg (1824-1876) zeugte. Von Michael Just 

Während das Ende seiner Strafe absehbar war, verhielt es sich bei Dr. Wilhelm Schulz (1797-1860) anders: Als Zeitgenosse Georg Büchners stand er für Demokratie und Menschenwürde in vorderster Linie und galt deshalb als politischer Gefangener. Die Schriften des promovierten Darmstädters, die eine Volksherrschaft ohne König und Fürsten forderte, brachte ihm eine Inhaftierung als Demagoge und als Revolutionär auf unabsehbare Zeit ein. Da half nur ein Ausbruch!.

Unter tatkräftiger Mithilfe seiner Frau Caroline gelang ihm, in der Nacht vom 30. auf den 31. Dezember 1834, eine spektakuläre Flucht. Die Eheleute hatten zuvor über scheinbar harmlose Briefe korrespondiert. Dabei machten sie sich eine unsichtbare Schrift zu Nutze, die beim Halten über eine Kerze sichtbar wurde. Sie verwendeten Alaun, ein Kaliumsalz, das früher die Männer beim Rasieren einsetzten. Hatte man sich geschnitten, ließ sich der Blutung mit Alaun entgegenwirken. Schulz kam als Gefangener zugute, dass er als Offizier diverse Privilegien genoss. So konnte er seine Zelle mit Möbel ausstatten. In diesen gelang es Caroline, Ausbruchswerkzeug, wie Feile und Seil, einzuschmuggeln. Fast wäre das Vorhaben in letzter Minute aufgeflogen, als unerwartet die Gefängnisleitung eine Kontrolle ansagte. Zu diesem Zeitpunkt hatte Schulz die Fenstergitter schon durchgesägt und sie zum Schein wieder eingesetzt. Geistesgegenwärtig bot der Inhaftierte seinem „Be such“ einen Quittenlikör zum Anstoßen aufs neue Jahr an, den ihm seine Frau geschickt hatte. Mehrere süffige Gläschen ließen die Aufseher ihr Vorhaben vergessen. Wenig später seilte sich Schulz aus dem zweiten Stock erfolgreich ab.

Territorialmuseum in Babenhausen

Als glücklicher Umstand erwies sich dabei der zugefrorene Wassergraben um das Schloss und die angetrunkenen Wachen, die sich bereits aufs neue Jahr freuten. Die Flucht führte das Paar über Straßburg nach Zürich, wo es Georg Büchner, der als Literat und Revolutionär ebenfalls aus Hessen fliehen musste, traf. Vor allem den Aufzeichnungen des ehemaligen Babenhäuser Gefängnisinsassen ist es zu verdanken, dass man über die letzten Jahre von Georg Büchner, der durch eine Erkrankung mit nur 23 Jahren starb, heute so viel weiß. Nach 13 Jahren Exil kehrte Schulz im Revolutionsjahr 1848 nach Deutschland zurück und ließ sich für die Linken in die Frankfurter Nationalversammlung wählen. Da das Paulskirchenparlament aber schon bald wieder seinen Einfluss verlor, floh er erneut nach Zürich. Dort starb er 1860.

Zur Erinnerung an den berühmten Schriftsteller und Freiheitskämpfer soll im Babenhäuser Territorialmuseum schon bald ein Quittenlikör angeboten werden, ohne den die Flucht sicherlich gescheitert wäre. Das Getränk wird den Besuchern dann einen Geschmack von Freiheit vermitteln.

Dass Caroline Schulz einen entscheidenden Anteil am Ausbruch hatte, haben die Babenhäuser Museumsmacher ebenfalls nicht vergessen. Davon trägt ein Zitat ihres Mannes Rechnung: „Die Ehen sind ja selten, in welchen die Frau dem Manne nicht die Freiheit nimmt, sondern gibt.“

Quelle: op-online.de

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