Es muss nicht immer das Gericht sein

Darmstadt/Dieburg - Die Straftaten im Landkreis sinken. Fanden im Jahr 2009 noch 10 774 Delikte statt, so schrumpfte die Zahl 2010 auf 10 158, eine Abnahme um 5,7 Prozent. Von Ulrike Bernauer

Bei einer Aufklärungsquote von 55,5 Prozent gelangen allerdings längst nicht alle Straftaten vor die Gerichte. Ein kleiner Anteil wird an eine besondere Institution verwiesen, den Täter-Opfer-Ausgleich (TOA) des Diakonischen Werks Darmstadt-Dieburg.

Rund 200 Fälle pro Jahr werden an die Institution übermittelt, im Landkreis Darmstadt/Dieburg kümmern sich Sozialarbeiterin Barbara Ade, Gemeindepädagogin Ute Roth-Winkelmann und Sozialarbeiter Andreas Glock um den außergerichtlichen Ausgleich. Ihre „Fälle“ erhalten sie im Wesentlichen von der Amtsanwaltschaft, aber auch das Gericht selber verweist manche Delikte an den TOA.

Bei fast allen Straftaten kann ein TOA angeregt werden. Die Mehrzahl der Fälle sind Körperverletzungen - mitunter auch gefährlicher Art. „Manches Opfer versteht zwar die Welt nicht mehr, dass ein Angriff nicht mit Gefängnis bestraft wird“, sagt Roth-Winkelmann, „aber der Grundgedanke beim Täter-Opfer-Ausgleich ist, dass nicht nur eine Verletzung des Rechtes stattgefunden hat, sondern auch eine Verletzung von menschlichen Beziehungen.“

Dass Täter oder Beschuldigte dem TOA zustimmen, ist anzunehmen, schließlich können sie unter Umständen eine Einstellung des Verfahrens oder reduziertes Strafmaß erreichen. Dem Opfer erscheint der außergerichtliche Ausgleich zunächst oft wenig erstrebenswert.

„Für den Geschädigten ergibt sich unter Umständen jedoch auch ein großer Gewinn aus dem TOA“, führt Ade aus, „schließlich kann er darstellen, wie er den Übergriff erlebt hat, kann seine emotionale Befindlichkeit dem Beschuldigten erklären.“ Wichtiger noch, bei einem erfolgreichen Gespräch zwischen den beiden Parteien kann der Geschädigte den Schrecken, den er in der Regel auch davon getragen hat, im besten Fall verarbeiten. „Das ist eine gute Voraussetzung für das weitere Leben“, erklärt Glock.

Täter-Opfer-Ausgleich ist freiwillig

Nicht immer läuft es allerdings so positiv, wie im Fall eines geschädigten Taxifahrers und Kneipenbesucher T., der Streit mit seiner Freundin hatte. Nachdem diese das Lokal verlassen hatte und ein Taxi bestieg, schleuderte Herr T. dem Fahrzeug eine Flasche hinterher. Herr T. ergriff die Flucht, als der Fahrer ausstieg. Nach einiger Zeit kehrte er zurück und wurde nun seinerseits von dem wütenden Taxifahrer gepackt. Eine heftige verbale Auseinandersetzung folgte.

„Anfänglich konnten sich die beiden nicht in die Augen sehen“, erinnert sich Roth-Winkelmann, Mediatorin dieses Gespräches. Gefordert hatte der Taxifahrer eine Entschuldigung und einen Ausgleich des Verdienstausfalles. Nachdem T. die Entschädigung in Aussicht gestellt und sich glaubhaft entschuldigt hatte, fand der erste Blickkontakt statt und die beiden kamen gar ins Gespräch. Hilfreich dabei: Der Beschuldigte ist selber einmal Taxi gefahren. „Wenn es so gut läuft, dann ist es, als würde ein Engel durch den Raum laufen“, zitiert Roth-Winkelmann die Worte ihres Ausbilders.

Der TOA ist freiwillig, von rund 200 Fällen werde bei über 60 Fällen der außergerichtliche Ausgleich von den Parteien abgelehnt und findet folglich nicht statt. Bei gut der Hälfte der aufgenommenen Fälle gibt es ein erfolgreiches Ausgleichsgespräch, bei weiteren 40 zeigt der Täter ein ernsthaftes Bemühen, den angerichteten Schaden, sei es durch eine Entschuldigung oder Zahlung eines Schmerzensgeldes, wieder gut zu machen.

Übrigens: Geschädigte und Beschuldigte können auch selbst Kontakt mit dem Diakonischen Werk aufnehmen, falls eine Strafanzeige vorliegt. Ist das Delikt für einen TOA geeignet, dann wird schriftlich mit beiden Parteien Kontakt aufgenommen. Bei einer freiwilligen Teilnahme werden getrennte Vorgespräche geführt, die dann im Bestfall in einem Ausgleichsgespräch und einer Vereinbarung zwischen beiden Parteien enden. Erreichen kann man das Diakonische Werk unter der Nummer 06151/926115.

Quelle: op-online.de

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