Leben im „hölzernen Zeitalter“

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Thomas Schmalenberg vom Forstamt Dieburg nahm Stellung zu Fragen der Teilnehmer an der „Nachhaltigkeitswanderung“.

Babenhausen - „Der Begriff der Nachhaltigkeit hört sich einfach gut an. Das dürfte einer der Gründe sein, warum er derzeit so inflationär benutzt wird“, sagt Thomas Schmalenberg von Hessen Forst. Von Michael Just

Eigentlich kommt die Bezeichnung laut dem Bereichsleiter für Produktion im Forstamt Dieburg aus der Waldwirtschaft. Mittlerweile werde er aber genauso gerne im Natur-, Umwelt- und Artenschutz, im Freizeit- und Erholungsbereich und selbst in der Industrie verwendet. Momentan präsentiert sich der Begriff für ihn schon so allumfassend, dass sich damit kaum noch etwas Konkretes verbinden lässt.

Um den Menschen zu erklären, wie Nachhaltigkeit und Forstwirtschaft zusammen kommen, bietet das Forstamt Dieburg in allen Städten und Gemeinden im Zuständigkeitsbereich derzeit sogenannte „Nachhaltigkeitswanderungen“ an. Bis in den Herbst geht es dafür jeweils sonntagsmorgens um 10 Uhr mit vielen interessanten Informationen für zwei Stunden durch den Wald. Gesponsert werden die Wanderungen von der Sparkasse, die unterwegs für eine Erfrischung sorgt sowie Obst- und Müsli-Riegel zum Stärken reicht. Am Sonntag fand –nach der kürzlichen Premiere in Dieburg – die zweite Veranstaltung dieser Art in Babenhausen statt. Treffpunkt war der Eppertshäuser Weg, wo mit Thomas Schmalenberg und den Revierförstern Lothar Seipp und Thomas Zinth gleich drei Vertreter von Hessen Forst sich den zwei Dutzend Interessierten annahmen.

Der Begriff der Nachhaltigkeit ist nicht neu. Zum ersten Mal verwendete ihn Hans Carl von Carlowitz im Jahre 1713 in Sachsen. Durch den damaligen Raubbau an den Wäldern zur Förderung des Bergbaus mahnte der Hauptmann mit Blick auf die Holzverknappung an, nur soviel Holz zu schlagen, wie auch nachwächst. Nachhaltiges Wirtschaften hat sich Hessen Forst schon seit ein paar Jahren auf die Fahnen geschrieben. Drei Jahrhunderte später erfüllt man im Babenhäuser Stadtwald nicht nur von Carlowitz‘ Forderungen nach Balance, sondern hat die Waage zugunsten der Natur verändert. Nur 75 Prozent des Zuwachses werden genutzt, das heißt, es wächst mehr Holz nach als entnommen wird. Damit entstehen Vorräte, mit denen sich Katastrophen, wie etwa Sturmschäden, ausgleichen lassen. Diese Form von Rücklagen gibt es laut Schmalenberg nicht nur in Babenhausen, sondern in ganz Hessen und auch im Rest der Republik: „In Europa ist Deutschland Spitzenreiter, was das Anlegen von Vorräten und neuem Wald angeht“, hebt der Experte heraus.

Jene Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft ist laut seinen Worten nicht selbstverständlich. Schließlich lebe man derzeit im „hölzernen Zeitalter“. Bei der Energiegewinnung weise der Holzanteil stetig nach oben. Von den jährlich 70.000 Festmetern Einschlag im Forstamt Dieburg würden bereits 10 000 Festmeter als Brennholz weggehen. Momentan hat der Babenhäuser Stadtwald rund 250 Personen registriert, die dort Brennholz machen. „Das verwundert laut Lothar Seipp nicht: „Viele Baumärkte bieten Holzöfen mittlerweile für einen Appel und ein Ei an“, sagt er.

Alle zehn Jahre misst das Forstamt Dieburg die aktuellen Holzbestände in einer Art Inventur. Für jede Waldabteilung gibt es Datenblätter, die zum Teil schon seit 100 Jahren existieren. Darauf sind Baumarten und Festmeter verzeichnet. Anhand der Baumart und dem Standort wird bei der Inventur hochgerechnet, wie viel Holz nachwächst. Stichproben vor Ort sorgen für eine seriöse Erhebung. Da viele Kommunen über klamme Haushalte verfügen und jede Einnahmequelle – auch die aus dem Gemeinde- beziehungsweise Stadtwald – dringend benötigt werden, geht die Frage an Schmalenberg, inwieweit wirtschaftliche Interessen von Kommunen dem Prinzip der Nachhaltigkeit gegenüberstehen. „Für uns von Hessen Forst ist es erstmal primär, dass wir nicht mit Defizit arbeiten“, lautet seine Antwort. Das sei nicht der Fall. Im Gegenteil: So hätte das Forstamt Dieburg im letzten Jahr einen Überschuss von 900 000 Euro abgeliefert, der den Kommunen zugute kommt. Einen Druck von deren Seite gibt es laut Schmalenberg nicht, mehr Holz zu liefern und damit leere Kassen zu füllen. Für den Produktionsfachmann konzentriert sich das Forstamt Dieburg derzeit darauf, auch weiterhin einen Überschuss in gleichbleibender Höhe zu gewährleisten. „Das ist ebenfalls eine Form der Nachhaltigkeit“, so Schmalenberg.

Quelle: op-online.de

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