Biberkolonie bei Lengfeld sorgt für trockene Bäche

Natur gegen Natur

Die „Lengfelder Seenplatte“: Mit seinen Fähigkeiten als Staudamm-Bauer hat ein Biber oberhalb der Trasse der Odenwaldbahn eine Seenlandschaft geschaffen. Im Hintergrund der Otzberg. Fotos: SR

Darmstadt-Dieburg – Alexander Späth gehört zu denen, die einen bezifferbaren Schaden von der Tatsache haben, dass Hasselbach, Semme und Hasenbach weitgehend ausgetrocknet sind. Er hat die Fischereirechte auf dem Abschnitt zwischen Semd und Altheim gepachtet.

„7500 Euro und etliche hundert Arbeitsstunden habe ich in den vergangenen Jahren in das Gewässer gesteckt, um es für Fische attraktiver zu machen“, berichtet der Mann, der auch als Kreis-Fischereiberater fungiert.

Späth ist sich sicher, dass die Biberkolonie bachauf bei Lengfeld und deren ausgedehnte „Seenplatte“ einen beträchtlichen Anteil an der Misere haben. Besonders in der vorangegangenen Hitzephase sei die Verdunstung dort enorm gewesen. Zwar habe man inzwischen ein Dränagerohr in den Hauptstaudamm eingebracht, doch der Durchfluss sei so gering, dass dieses Rinnsal südlich des Bahndamms der Odenwaldbahn schnell wieder versickere. Dabei sei die Wassermenge des Hasselbachs oberhalb der Kolonie zwar nicht üppig, aber eigentlich immer ausreichend gewesen, das Bachbett bis zur Mündung bei Hergershausen feucht zu halten.

„Not amused“ war Otzbergs Bürgermeister Matthias Weber, als er nach der Rückkehr aus einem Urlaub vor gut einer Woche über den „Mängelmelder“ des kommunalen Internet-Portals mit der Situation konfrontiert wurde. Er hat sich sofort am Sportlerheim bei Habitzheim ein Bild von der Lage gemacht. Dort seien einige Helfer damit beschäftigt gewesen, Fische aus den verbliebenen Bachtümpeln zu retten, darunter einige ansehnliche Bachforellen. „Ich habe aber auch etliche tote Flusskrebse gesehen“, berichtet er und sieht ebenfalls die von Bibern gestaltete „Lengfelder Seenplatte“ als eine der Ursachen des Problems. Die Untere Naturschutzbehörde (UNB) hat allerdings ein Veto gegen die Beobachtungen Webers eingelegt und darauf hingewiesen, dass es sich keinesfalls um Flusskrebse gehandelt haben dürfte.

Auch die „Schuldzuweisung“ des Fischereiexperten und des Bürgermeisters wird von den zuständigen Behörden nicht ohne Weiteres geteilt. „Die Ursache für das Trockenfallen im Flussbereich ist in erster Linie die derzeitige Trockenheit und nicht dem Biber geschuldet“, heißt es in einer Stellungnahme der UNB beim Landkreis Darmstadt-Dieburg. „In erster Linie“ ist aber nur ein halber Freispruch. Denn dass die „Seenplatte“ ihren Teil zum Problem beiträgt, räumen UNB und die Obere Wasserbehörde beim Regierungspräsidium (RP) in Darmstadt ein.

Das Problem reicht bis zur Mündung des Gewässers, das im letzten Abschnitt bei Hergershausen Hasenbach heißt und dort in die Gersprenz mündet. „Im vergangenen Jahr haben wir zum ersten Mal seit Menschengedenken erlebt, dass der Hasenbach gänzlich trocken gefallen ist“, erinnert sich Johannes Billing, der als Kontaktperson des Web-Portals hergershausen.org fungiert. „Wir haben das als Folge der großen Hitze und Trockenheit wahrgenommen“, berichtet Tobias Reuling, Vorsitzender des Angelsportvereins Hergershausen, aber jetzt wissen wir, dass auch der Biber daran Anteil hat. Der war ja wohl auch schon letztes Jahr am Oberlauf des Bachs bei Lengfeld aktiv.“

„Wir beschäftigen uns schon länger mit dem Thema“, bestätigt Otzbergs Bürgermeister. „Bereits im Herbst 2016 haben wir bei einer Bachschau am Oberlauf des Hasselbachs, zwischen B426 und Bahndamm, Ansammlungen von Holz festgestellt, die und vermuten ließen, dass sich da Biber ansiedeln wollen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Anstauungen aber noch sehr gering.“ Aber bereits Anfang 2017 habe es Meldungen zu größerem Rückstau gegeben, und 2018 habe man eine „richtig große“ Biberburg ausmachen können. In diesem Jahr sei auch er Staudamm vor dem Bahndamm der Odenwaldbahn so hoch geworden, „dass Wasser in unsere Kanalisation zu fließen drohte. Wir mussten also handeln und haben mit dem Einbau des Dränagerohrs in Abstimmung mit den zuständigen Behörden eine gute Lösung gefunden.“

Schafft die Seenplatte Probleme, so hat sie doch inzwischen auch eigene Biotop-Qualitäten. Weber berichtet von zahlreichen Tieren, „die man bei uns seit Jahrzehnten nicht mehr zu Gesicht bekommen hat.“ Das Biotop liegt am Radweg zwischen Klingen und Habitzheim, ist leicht zu erreichen, „und die Menschen verabreden sich in sozialen Medien dort.“

Auf die Vorteile solcher „Seenplatten“ machen auch die Behörden und Naturschützer Wolfgang Heimer von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie aufmerksam. Der Biber halte auf diese Weise kostbares Wasser auf landwirtschaftlichen Flächen und schaffe Rückzugsräume für Fische, wenn ein Bach mal trocken falle, heißt es. Der zunehmende Wassermangel sei nicht nur Folge des Klimawandels, meint Heimer in einem offenen Brief, sondern auch auf andere Weise menschengemacht: Begradigung von Flüssen, Versiegelung von Oberflächen und Zunahme der Bevölkerung führt er ins Feld. Im Fall der Semme gebe es noch weitere Faktoren wie die einstige Kläranlage bei Semd und das Hebewerk, das nun Wasser von dort in die Kläranlage am Richer Bach pumpe.

Der Biber sei allerdings auch keine „heilige Kuh“: „In begründeten Einzelfällen kann und muss der Mensch regulierend eingreifen.“ Otzbergs Bürgermeister regt an, einmal darüber zu diskutieren, „ob jeder Bach für den Biber geeignet ist. „Es ist aber falsch und unfair, den Biber als Sündenbock hinzustellen, um von unserem Versagen abzulenken“, schließt Heimer seinen offenen Brief.  sr

Quelle: op-online.de

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