Niemand findet sich für Kerbrede

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Optisch immer eine Augenweide: die Sickenhöfer Kerbmädchen und -buben.

Sickenhofen - „Immer lächeln! Das hier ist live und keine Aufzeichnung“, sagt der Vorsitzende des SV Sickenhofen, Jürgen Liebald, am Sonntagnachmittag lachend zu einem Kerbmädchen, das einen kleinen Durchhänger hat und an einem Tisch sitzt. Von Michael Just

Die Verschnaufpause war zu verstehen: Nur wenige Minuten zuvor zog sich der Kerbumzug durch den Ort, am Freitagabend stand bereits die Kerb-Party im Festzelt an, bei der die letzten der rund 350 Besucher morgens um halb sechs nach Hause gingen. Gestern Morgen ging die 14. Zelt-Kerb des SV mit dem Frühschoppen in die nächste Runde, bevor heute die Kerbpuppe verbrannt wird.

Vor allem der Umzug gestaltete sich genauso strahlend wie das Wetter: Mit seinen zehn Nummern bestand er aus einem kleinen, aber dennoch äußerst bunten Kaleidoskop der lokalen Vereine. Angeführt vom Langstädter Posaunenchor und dem Wagen mit den Kerbmädchen und –buben folgten unter anderem die F- und E-Jugend des SV 58, der TV-Nachwuchs, zahlreiche Gardevertreter des SKV, der Skatclub, die Theatergruppe SiLT und die Feuerwehr. Die Blauröcke hatten in ihrem Jubiläumsjahr einen bulligen 40-Tonnen-Sattelschlepper organisiert.

Bei den Kleinen lässt Pippi Langstrumpf grüßen: Die buntesten Kostüme hatte - wie könnte es anders sein - der Karnevalverein.

Etwas war anders als sonst: Es gab keine Kerbrede. Sechs Jahre fungierten Uschi Liebald und Franz Weihert als Kerbpaar, im letzten Jahr räumten sie das Feld für Jüngere. Doch die nächste Generation, die das Ortsgeschehen auf die Schippe nehmen sollte, fand sich nicht. Für viele Bewohner eine kleine Enttäuschung - auch für Liebald und Weihert, die sich stets viel Mühe gaben. Auf die oft gestellte Frage, „wieso macht das der Franz nicht weiter?“, hatte der Besagte am Wochenende eine verständliche Antwort parat: „Ich bin jetzt 65 und irgendwann muss einmal Schluss sein. Ich möchte nicht irgendwann von der Bühne fallen.“ „Das Zelt war bei unseren Kerbreden immer voll. Wir wollen nicht, dass die Sache abflaut und der Franz und ich zur Gewohnheit werden“, so Uschi Liebald. In anderen Orten sei es auch Usus, dass es jedes Jahr ein neues Kerbpaar gibt.

Zumindest um die Kerbmädchen ist es gut bestellt

Laut SV-Vorsitzendem Jürgen Liebald wünsche man sich auch bei der Kerborganisation mehr Freiwillige. Derzeit habe man auf dem Dienstplan zwar rund 100 eingetragene Helfer, die stundenweise mit anpacken. Dafür bestehe das Team, das die Kerb ein halbes Jahr vorbereitet, gerademal aus zehn Mitgliedern. „Davon haben zwei oder drei für nächstes Jahr bereits ihren Rücktritt erklärt“, erzählt Liebald, der ergänzt, dass die Zukunft der Kerb nicht zuletzt von den Vorstandswahlen des SV 58 im nächsten Jahr abhängt.

Keine Sorgen musste sich der Vorsitzende, zumindest in diesem Jahr, um die Kerbmädchen machen. Mit viel Passion stellte die Show-Garde des SKV wieder die Kerbmädchen. Zum 50-jährigen Jubiläum des SV 58 im letzten Jahr traten sie zum ersten Mal auf den Plan und hatten mit einer Kerb-Disco-Party, die sie selbst organisierten, gleich noch eine gute Idee für die Zukunft parat. Zwischen den acht Kerbmädchen fanden sich auch zwei Kerbburschen. Sie gehören zum Freundeskreis der SKV-Tänzerinnen und helfen immer dann aus, wenn Männer gebraucht werden. Dem Spaßfaktor nach zu urteilen stellt die Show-Garde des SKV auch nächstes Jahr die Kerbmädchen. Und die Kerbrede? Auch dafür bietet sich ein Nachfolger an. Wie der zweite Vorsitzende des SV, Bernd Gelzleichter, anmerkte, könne er sich durchaus die Rolle des „Kerbvadders“ vorstellen. Als hinderlich sieht der gebürtige Aachener nur seinen Akzent, der wegen des Dreiländerecks Deutschland-Belgien-Holland allerlei befremdlich klingende Einschläge enthält.

Quelle: op-online.de

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