Notfallseelsorger der ersten Stunde

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Pfarrer Winfried Steinhaus geht in den Ruhestand und zieht nach Schweden. Pfarrer Winfried Steinhaus geht in den Ruhestand.

Babenhausen/Darmstadt-Dieburg - Pfarrer Winfried Steinhaus geht in den Ruhestand und zieht nach Schweden. Von Stefan Scharkopf

Sein Revier waren über 16 Jahre die Straßen und die Autobahnen. Mit seinem markanten Landrover („Seelsorgepanzer“) ist er in dieser Zeit hunderte von Einsätzen gefahren, um Menschen in Not beizustehen, zuzuhören, sie in ihrem Leid und ihrer Trauer zu begleiten und zu trösten. Nun geht der sprichwörtliche „Hansdampf in allen Gassen“, wie ihn das Dekanat Vorderer Odenwald nennt, Pfarrer Winfried Steinhaus, in den Ruhestand.

Bei 580 Notfalleinsätzen im Altkreis Dieburg war der Geistliche, der von 1981 bis 2001 Pfarrer in Hergershausen und Sickenhofen war, dabei. Als besonders schlimm beschreibt er die Einsätze, wenn bei Unfällen kleine Kinder betroffen waren. „Vor anderthalb Jahren wurde ich Großvater. Das hatte noch mal eine andere Qualität, da konnte ich dann noch besser mit den Eltern mitfühlen, wie sie mit einer solchen Situation zurecht kommen müssen.“ Im alten Jahr gab es auch einen Fall von plötzlichem Kindstod. „Das geht auch einem Seelsorger an die Substanz“, sagt er.

14 Suizide im vergangenen Jahr

Steinhaus hat im Landkreis Darmstadt-Dieburg 1998 die Notfallseelsorge aus der Taufe gehoben, systematisch auf- und ausgebaut und geleitet. In dieser Zeit hat er so ziemlich alles erlebt, was man als Notfallseelsorger erleben kann: schwere Verkehrsunfälle, Wohnungsbrände sowie häusliche Todes- und Notfälle. Denn der Seelsorger wurde nicht nur zu tragischen Einsätzen auf der Straße gerufen, sondern auch, um Streitigkeiten in der Familie zu schlichten, oder bei Selbstmordgefahr und zu Arbeitsunfällen. Die Suizide, allein 14 im vergangenen Jahr, waren für ihn erschütternd. Gewählt haben diesen Weg Menschen, die in einer Beziehungskrise steckten. „Drei waren erst knapp über 20 Jahre alt“, so Steinhaus.

Ganz zu Anfang bestand das Notfallseelsorge-Team ausschließlich aus Hauptamtlichen. Als das im Zuge kirchlicher Einsparungen nicht mehr möglich war, war Steinhaus genötigt, Ehrenamtliche für die Notfallseelsorge zu gewinnen und für die Einsätze schulen, was auch gelang. Zusätzlich hielt er Vorträge bei Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst und hat durch seinen weithin geschätzten Einsatz sehr zum guten Ansehen der Kirche in diesen Einrichtungen beigetragen.

Im Jahr 2009 wurde Steinhaus als erster Pfarrer der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) überhaupt zum Ehrenkommissar der Deutschen Polizeigewerkschaft ernannt. 2012 erhielt er die Feuerwehr-Ehrenmedaille, die höchste Auszeichnung des Deutschen Feuerwehrverbandes für Nicht-Feuerwehrangehörige. Um das ihm wichtige Anliegen der Notfallseelsorge weiterzutreiben, hat sich Steinhaus in vielen Gremien engagiert. So saß er seit 1999 im EKHN-Beirat Notfallseelsorge und war außerdem Mitglied des Forums Notfallseelsorge am Bischöflichen Ordinariat in Mainz.

Viele Freunde

Eine weitere Aufgabe erwuchs ihm im Oktober 2001, als er zum Polizeipfarrer der EKHN ernannt wurde. Damit vergrößerte sich auch sein Aktionsradius. Als Notfallseelsorger betreute er Unfallopfer, Angehörige und Rettungskräfte im Altkreis Dieburg. Als Polizeipfarrer pendelte er nun zwischen den Präsidien Südosthessen in Offenbach, Südhessen in Darmstadt und der Polizeidirektion Vogelsberg sowie der Bereitschaftspolizei in Mühlheim ständig hin und her.

Dort gab er auch Ethikunterricht an der Hochschule für Polizei und Verwaltung. Doch nun, nach über 36 Dienstjahren, wird Winfried Steinhaus aus all seinen Ämtern in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet.

Im Rückblick sagt er, dass es natürlich auch viel schöne Momente in seiner Tätigkeit gegeben hat. „Ich habe viele Freunde bei der Feuerwehr, dem Rettungsdienst und der Polizei gewonnen. Eine Polizistin hat mich sogar gebeten, ihr Kind zu taufen“, sagt Steinhaus am Telefon. „Bei meiner Tätigkeit hatte ich immer das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein“, zieht er ein Resümee. Insofern gibt es Wehmut beim Abschied, doch Steinhaus gesteht auch ein: „Ich habe in all´ den Jahren so viel Leid gesehen, dass ich jetzt auch froh bin, wenn kein Funkmeldeempfänger mehr auf dem Nachttisch liegt.“

Im Leben des künftigen Ruheständlers gibt es nun eine große Veränderung: Am 1. April rollen die Umzugswagen an. Dann verlässt er Otzberg-Lengfeld und zieht mit seiner Frau nach Schweden.

Der Festgottesdienst unter Mitwirkung von Pröpstin Karin Held, Dekan Joachim Meyer und Ortspfarrer Michael Fornoff mit anschließendem Empfang für Pfarrer Winfried Steinhaus ist am Sonntag, 2. Februar, 15 Uhr, in der evangelischen Kirche Groß-Zimmern, Opelgasse 2.

Quelle: op-online.de

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