„Ich bin kirchlich durchsozialisiert“

+
„In dieser Kirche mit ihren Bildern predigt es sich fast von alleine. Jeder Stein hat eine Geschichte, das finde ich faszinierend“, sagt Andrea Rudersdorf über St. Nikolaus in ihrem Rücken.

Babenhausen - Andrea Rudersdorf im Interview: Die 35 Jahre alte Pfarrerin aus Babenhausen über Einträge im Poesiealbum, Versuche im Chemielabor und ob es sie nervt, wenn Menschen nur an Weihnachten in die Kirche gehen. Von Katharina Hempel

Frau Rudersdorf, morgen endet mit dem Feiertag Heilige Drei Könige die Weihnachtszeit. Waren die Dezemberwochen für Sie als Pfarrerin besonders stressig, auch wenn Sie momentan in Elternzeit sind?

Andrea Rudersdorf: Ach, es ging eigentlich. Ich habe angefangen mit dem Erster-Advent-Gottesdienst mit der Kita und am dritten Adventswochenende habe ich mir die Proben für das Krippenspiel in Babenhausen angeschaut, wo ich dann an Heilig Abend den Gottesdienst gehalten habe.

Worin unterscheidet sich dieser Gottesdienst von denen an den anderen Sonntagen des Jahres?

Das ist immer eine ganz andere Atmosphäre als sonst. Bei Konfirmationen und Taufen ist die Kirche voll mit Familien, mit Omas und Opas, Onkels und Tanten. An Heilig Abend sind die Besucher bunt gemischt.

Es nervt Sie also nicht, wenn am 24. Dezember Menschen den Gottesdienst besuchen, die Sie die Wochen und Monate davor nie zu Gesicht bekommen haben?

Von der Warte habe ich das ehrlich gesagt noch nie gesehen. Ich freu mich, dass für viele Menschen Weihnachten so wichtig ist, dass sie in die Kirche wollen. Da hat Kirche ganz viel geschafft.

Also keine Bitterkeit von Ihrer Seite.

Nein. Man kann immer meckern, dass es nicht reicht, aber das mache ich nicht. Ich verabschiede nach dem Weihnachtsgottesdienst auch keinen mit den Worten „dann bis in einem Jahr“. Ich bin nicht sarkastisch.

Wie eben schon angesprochen, sind Sie noch in Elternzeit.

Richtig. Meine Zwillinge, Benjamin und Johann, sind jetzt zwei Jahre alt, und ich habe meine Elternzeit gerade nochmal um ein Jahr verlängert.

Aber ein bisschen arbeiten Sie trotzdem als Pfarrerin, oder?

Ich bin zu zehn Prozent angestellt. Das bedeutet, dass ich zwei Doppelgottesdienste im Monat halte. Dann bin ich noch im Krabbelkreis und bei der Krabbelgruppe und ich mache den Kindergottesdienst. Und ich habe wirklich Glück, dass wir den Kirchenvorstand haben. Ohne diese Engel, die an allen Stellen einspringen, ginge es nicht. Dadurch ist auch die Gemeinde noch mehr zusammen gewachsen.

Sie haben also kein Problem damit, Verantwortung und Entscheidungen abzugeben.

Mir wurde bewusst, dass ich die Zügel auch mal loslassen muss. Bei manchen Dingen muss man auch sagen können, „das geht jetzt gar nicht mehr“. Die Elternzeit ist echt eine harte Schule, um das Neinsagen zu lernen. (Lacht.)

Mittlerweile sind Sie seit sechs Jahren Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde...

Richtig. Ich bin am 1. Dezember 2006 gekommen.

... Wann haben Sie sich dazu entschlossen, diesen Beruf auszuüben?

(Lacht.) Pfarrerin – das habe ich schon als Schülerin in die Poesiealben geschrieben. Ich bin kirchlich durchsozialisiert. Was die Gemeinde zu bieten hatte, habe ich mitgenommen: Kindergottesdienst, Kinderchor, Chor, Posaunengruppe... Das hat mich fasziniert und ich fand, das ist ein schöner Beruf.

Und nach dem Abitur haben Sie sich sofort für Theologie eingeschrieben.

Nein. Ich habe angefangen mit Religion und Chemie auf Lehramt. Aber die Versuche im Chemielabor ließen mir keine Zeit fürs Sprachenlernen. Ich hatte in der Schule Französisch statt Latein gewählt und für mein Religionsstudium musste ich dann sowohl das Latinum als auch das Graecum nachmachen.

Und dann?

Dann habe ich mich für Religion und das Pfarramt entschieden.

Wie ging es weiter?

Studiert habe ich in Mainz, Montpellier und Marburg. Dann kam mein Vikariat in Gießen-Kleinlinden, und danach war ich bei der Notfallseelsorge in Frankfurt.

Warum ausgerechnet die Notfallseelsorge?

Ich dachte, du musst für jeden Fall gewappnet sein. Als Pfarrerin einer Gemeinde begleite ich Menschen schließlich auch in vielen Lebenssituationen, die nicht immer schön sind. Ich habe einen Kurs gemacht, in dem man lernt, wie man mit Menschen umgeht, die unter Schock stehen, und dann ging"s los.

Das heißt?

Ich hatte einen Piepser und dann habe ich zum Beispiel nach einem Polizeieinsatz die Opfer betreut, oder die Einsatzkräfte und Beteiligten, wenn eine Reanimation nicht geklappt hat, oder ich habe gemeinsam mit der Polizei Todesnachrichten überbracht. Kurz gesagt: Ich habe Erste Hilfe an der Seele geleistet.

Wie schwer fallen solche Aufgaben?

Das ist eine anstrengende Tätigkeit, aber man kriegt auch viel zurück.

Sind Sie immer noch bei der Notfallseelsorge?

Nein, das habe ich nur ein halbes Jahr lang gemacht. Hier wäre mir das als Berufsanfängerin zuviel geworden. Aber ich habe das gemacht und weiß, das kann ich.

Würden Sie die Notfallseelsorge wieder machen?

Vielleicht später wieder, wenn die Kinder älter sind. Notfallseelsorge kann man nur machen, wenn man Elan und Lebensfreude hat und nicht selbst am Limit fährt.

Quelle: op-online.de

Kommentare