Pferdeauktion auf dem Erlenwiesenhof

Rösser unterm Holzhämmerchen

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Auktionator Peter Schultes nahm die Gebote der Pferdeliebhaber entgegen.

Hergershausen - Auktionen kennen viele nur, wenn das lokale Fundbüro Räder loswerden will oder wenn im TV ein teurer Van Gogh den Besitzer wechselt. Dass Pferde meistbietend unter den Hammer kommen, konnte man nun auf dem Erlenwiesenhof erleben. Von Michael Just 

Wer zu Beginn als Laie in den kleinen grünen Prospekt mit Informationen zu den 22 Auktionspferden aus ganz Deutschland schaute, staunte nicht schlecht: Alle Abstammungslinien waren exakt aufgeführt. So heißen die Eltern von Pferd „Let it be“ nämlich „Lord Pezi“ und „Gräfin Anna“, die selbst wiederum von „Miss Payback“ und „Lacros“ sowie „Anna“ und ,,Godolphin“ in die Pferdewelt gesetzt wurden. Bevor die Versteigerung los ging, machte der Erlenwiesenhof Werbung in eigener Sache: Durch die Reithalle, trabten nacheinander sechs stattliche Hengste. Sie erinnerten an die Hengststation auf dem Erlenwiesenhof, die Gestüt-Inhaber Knut Weber schon seit Jahren erfolgreich mit einer Pferdepension betreibt und dort Reitunterricht und Lehrgänge anbietet.

Wer bei der anschließenden Versteigerung mitbieten wollte, musste aus den Zuschauerreihen nur den Arm – zum Erkennen aus der Ferne am besten mit Prospekt in der Hand – heben. Eine gut gefüllte Brieftasche sollten die Bieter dabei gehabt haben, denn die Preise starteten stets mit 4000 Euro. Je nach Qualität des Tieres wurde entweder in Schritten von 1000 Euro oder 500 geboten. Das Treiben der Preise nach oben lag in den Händen von Peter Schultes, der dafür extra aus Schleswig-Holstein angereist ist. Das Holzhämmerchen des bundesweit bekannten Pferdeauktionators schlug er bereits in Kranichstein oder Groß-Zimmern auf die Tische. Bekleidet mit einem dunklen Anzug und auf dem Kopf eine Melone tragend stand der Pferdeexperte aus dem hohen Norden an einem Stehtisch in der Hallenmitte, während das zu versteigernde Pferd langsam mit seinem Reiter eine Runde trabte.

Gleich beim ersten Vierbeiner mit dem Namen „Clintender“, einem Holsteiner Springpferd mit Spitzenabstammung, trieben die Bieter den Preis in die Höhe. Schultes blieb kaum Zeit zum Luftholen: Von 4000 ging es in Windeseile auf bis 68.000 Euro hoch. Beim Zuhören konnte man sich fragen, wie ein Mensch nur so schnell sprechen kann und dabei immer noch verständlich bleibt. Zwei Interessenten steigerten sogar per Telefon mit. Deren Gebote bekam der Auktionator von Vermittlern zugerufen. „Und, und, und“, forderte Schultes die Bieter rhetorisch geschickt immer wieder zum Nachlegen auf.

Für 70.000 Euro ging das Pferd schließlich an einen der Telefonbieter. „Gratulation und Applaus, am besten so laut, dass man es am Telefon hört“, rief Schultes. „Es sind vor allem die sportlichen Erfolge von Clintender, die zu diesem Preis führten“, erklärte Knut Weber auf Nachfrage.

Zur Bieterriege in der Halle gehörte auch ein 73-jähriger Frankfurter, der mit seiner Frau zur Auktion gekommen war. Der Mann in der hellbraunen Lederjacke nippte an einem Weißwein, während zu seinen Füßen ein kleiner Beagle wuselte. Früher züchtete er selbst Pferde. Mittlerweile hat er altersbedingt sein Gestüt und das Reiten aufgegeben. Trotzdem besitzt er noch drei Pferde, die in der Region unterstehen – eines davon auf dem Erlenwiesenhof. Auf Turnieren lässt der Pensionär nun Bekannte und Freunde auf seinen Pferden antreten. Ganz verabschieden von der Branche will er sich nicht: „Von diesem Virus kommt man nie ganz los“, lautet sein Geständnis.

Die meisten Zuchtpferde wechselten zwischen 4000 und 15.000 Euro den Besitzer, sodass jeder Bieter ein Reitpferd für sich finden konnte. Ein ähnlich hoher Preis wie für „Clintender“ wurde nur noch einmal, nämlich 60.000 für ,,Laventura“, erzielt.

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Der Pferdefreund aus Frankfurt erhielt einmal den Zuschlag und besitzt mit „Cosmos“ nun vier Tiere. 4 750 Euro berappte er für das zehnjährige Springpferd, das mit „sofort einsatzbereit“ ausgeschrieben war. Wie der Pferdekenner aus der Mainmetropole anmerkte, hätte er auch zwei Pferde erworben. Preislich sei er aber nicht zu allem bereit gewesen: ,,Pferde gibt es genug auf dem Markt“, sagt er trocken. Die 70.000 Euro für ,,Clintender“ bezeichnete er als eine relative Summe, die beim Blick auf internationale Auktionen verblasse. Hier sei ein Millionenbetrag für Hannoveraner, die das Maß aller Dinge im Pferdesport darstellten, keine Seltenheit. Vergessen werde aber oft, dass mit dem Preis auch das Risiko steige: Pferde können sich verletzen – und dass ein Vierbeiner morgens leblos im Stall liegt, sei auch schon vorgekommen.

Nach der Versteigerung führte der Weg aller Neubesitzer ins Auktionsbüro. Dort konnten sie bar oder mit Karte bezahlen. Bei Überweisungen bleibt das Pferd bis zu drei Tage auf dem Erlenwiesenhof untergestellt.

Eine Pferdeauktion gibt es alle paar Jahre auf dem Erlenwiesenhof. Die erste fand bereits 1994 statt. Trotz des Aufwands ist die Sache lohnenswert: Zehn Prozent des Erlöses pro Pferd bleiben im Hergershäuser Gestüt. Für neugierige Zaungäste, die mit dem Reitsport eigentlich nicht viel am Hut haben, war der Besuch des Versteigerung schon alleine aufgrund der besonderen Atmosphäre interessant.

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Quelle: op-online.de

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