Prozess wegen versuchten Totschlags

Hat er abgedrückt oder nicht?

+
Einem 23-jährigen Babenhausener wird wegen versuchten Totschlags in Darmstadt der Prozess gemacht.

Babenhausen/Darmstadt - Das Gerät wirkt auf den ersten Blick unauffällig, ist knapp 20 Zentimeter lang, schlank und von der Optik her einem Kaminfeuerzeug sehr ähnlich. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Was man früher nur aus James-Bond-Filmen kannte, hat inzwischen längst einen festen Platz in der Asservatenkammer der Gerichte: So genannte Schießkugelschreiber, als Waffe nicht erkenntlich und unscheinbar, können mit ihrem 6-Millimeter-Kaliber durchaus tödlich sein. Sie sind aus diesem Grund nach dem Waffengesetz als verbotener Gegenstand gelistet.

Eins dieser Exemplare steht seit gestern im Fokus der 11. Strafkammer des Landgerichts Darmstadt. M. F. aus Babenhausen soll damit am 9. März dieses Jahres auf mindestens eine Polizistin und sich selbst gezielt haben, jetzt muss sich der 23-Jährige wegen versuchtem Totschlag verantworten. Zu dieser Zeit befindet er sich stationär wegen paranoider Schizophrenie im Groß-Umstädter Zentrum für seelische Gesundheit – dem er auf illegalem Weg am Tattag den Rücken kehrte.

Was konnte es soweit kommen? Nach dem Realschulabschluss macht der Sohn aus solidem Elternhaus eine Lehre als Industriemechaniker. Die Firma übernimmt ihn, er hat eine Freundin, wohnt noch zu Hause. Soweit alles im grünen Bereich. Im September 2012 wird er entlassen.

Angeklagter raucht regelmäßig Haschisch

Was auf den ersten Blick wie aus heiterem Himmel aussieht, hat einen Hintergrund, der in der dunklen Seite des F. begraben liegt: Der junge Mann konsumiert seit seinem 16. Lebensjahr regelmäßig Haschisch, später kommen Amphetamine, Marihuana und zwischenzeitlich Testosteron hinzu.

Dieser Missbrauch bleibt nicht ohne Folgen. Immer häufiger fällt er durch Wutanfälle und Verfolgungsangst auf: Mal bekommt die Freundin eine Ohrfeige, mal schlägt er gegen die Wand, bis der Knochen bricht – ständig hat er Angst, jemand wolle ihn mit präpariertem Essen und Trinken vergiften, er hört Stimmen, wo keine sind. Bei einer Polizeikontrolle werden Drogen gefunden, sein Auto wird zeitweise beschlagnahmt. Als die Abholung Tage später nicht reibungslos über die Bühne geht, platzt F. wieder der Kragen und er tritt die eigene Autoscheibe ein. In dessen Folge wird die Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung angeordnet: F. stelle eine Gefahr für die Allgemeinheit dar.

„Da laufen nur Mumien rum,“, so F. in seiner Aussage, „alle stehen unter Medikamenteneinfluss, ich will da auf keinen Fall hin zurück!“ Dies sei auch der Grund für seinen Ausbruch gewesen, der ihn von Groß-Umstadt wieder zu den Eltern führt. Eigentlich weiß er, dass die ihn nicht aufnehmen wollen, er musste sich schon einmal durch Eintreten von Türen und Fenstern Zutritt verschaffen. Diesmal wird er zwar eingelassen, aber der Vater ruft gleich die Polizei. Bei deren Eintreffen wirkt zunächst alles friedlich: F. versorgt gerade das Terrarium seiner Schildkröte mit frischen Wasser.

Angeklagter bestreitet die Tat

Was danach passiert, darin unterscheiden sich allerdings die Aussagen von F. und auch der Zeugen untereinander. Die Version von F.: „Der Kugelschreiber lag auf dem Schreibtisch, ich habe ihn genommen und mir an den Kopf gehalten. Zu den Polizisten hab ich gesagt, sie sollen nicht näher kommen.“ Geschossen habe er zu keinem Zeitpunkt mit dem Gerät, schon gar nicht auf eine andere Person als sich selbst, sagt er.

Die vernommenen Beamten schildern die Sache ein wenig anders. Die Polizeioberkommissarin: „Er war gar nicht aggressiv, hat gerade seine Schildkröte gestreichelt. Dann lief er die ganze Zeit hin und her, schimpfte mit dem Vater. Irgendwann nimmt er etwas vom Schreibtisch, zielt auf mich und drückt ab!“

Ob das Klicken, dass zwei Beamte vernahmen, nun vom Drehen des Stiftes oder vom Abdrücken der Waffe herrührte, konnte nicht abschließend geklärt werden. Sicher ist nur, das sich kein Schuss löste. Verletzt wurde niemand. F. befindet sich seitdem in Sicherungsverwahrung in einer forensischen Psychiatrie. Mehr Licht ins Dunkel der Unklarheiten sollen der psychiatrische Gutachter und ein weiterer Waffenexperte des Landeskriminalamtes am 26. September bringen. An diesem Tag wird auch das Urteil erwartet.

Quelle: op-online.de

Kommentare