Przewalski-Pferde

Tierisches Quintett hinter der Kaserne

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Nach dem Abladen erkundeten die Przewalski-Stuten ihr neues Zuhause. Finanziert wird das Vorhaben als Naturschutzprojekt der Adam Opel AG, verantwortlich ist der Bundesforst.

Babenhausen - Sie heißen Wilma, Wanda, Walli, Wera und Wendy – und nur ein Experte dürfte sie auseinander halten können. Was die fünf Damen verbindet außer dem „W“ am Namensbeginn: Sie sind einjährige Przewalski-Stuten. Von Stefan Scharkopf 

Seit Dienstagabend grasen die Wildpferde auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz „In den Rödern“. Die tierische Rasselbande ist Teil eines Artenschutzprojekts, in erster Linie des Bundesforsts, aber auch des Europäischen Zuchterhaltungsprogramms (EEP). Die Stuten haben eine lange Fahrt hinter sich, sie kommen aus dem Wildnispark Langenberg bei Zürich. Vor der Abfahrt wurden die Tiere ruhig gestellt; eine übliche Praxis. Als die fünf Exemplare aus dem Hänger sprangen, legten sie gleich typisch jugendliches Ungestüm an den Tag. Gebracht wurde das Quintett von einem Spezialtransporter, der sich auf die Fracht von Exoten spezialisiert hat. Zur üblichen Kundschaft des Unternehmens zählen Wisente, Giraffen und auch mal ein Nashorn.

Die Wildpferde eignen sich gut als Fotomotiv.

Mit der Ankunft der Fünf erhält die Pflege des wertvollen FFH-Gebietes (Flora-Fauna-Habitat) hinter der Kaserne einen neuen Ansatz. Die Urwildpferde übernehmen als ganzjährige Landschaftspfleger die Beweidung und Offenhaltung der einzigartigen Lebensräume. Hauptträger dieses – aber auch vorheriger – Naturschutzprojekte auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz ist die Adam Opel AG. Sie schafft damit einen Ausgleich für Erweiterungsmaßnahmen im Opel Test Center in Rodgau-Dudenhofen. Dass die Autobauer mit eingestiegen sind, kam auch für die Stadt überraschend. Wie Sylvia Kloetzel, Fachbereichsleiterin Wirtschaft und Standortmarkering, sagte, sei erst Anfang Juni in der jüngsten Sitzung der sogenannten Lenkungsgruppe, die sich um das Wildpferde-Projekt kümmert, bekannt geworden, dass die Opel AG mit im Boot ist. Das Gelände, der Zaun und die Tiere selbst gehören dem Bundesforst. Wie Paulin Kammann, Koordinatorin Wildpferde der Behörde, sagte, habe die Adam Opel AG das Naturschutzprojekt schon vor dem neuen Beweidungskonzept „mit großem Engagement finanziert“.

Projekt des Bundesforsts

Die Stadt Babenhausen, die mit ihrem Image als Pferdestadt wirbt, hat von Beginn an das Projekt des Bundesforsts unterstützt und will es künftig für Zwecke der Umweltbildung nutzen. 5000 Euro sind dafür bislang vorgesehen, das Geld kann aber erst nach Genehmigung des städtischen Etats durch die Kommunalaufsicht in die Hand genommen werden. Das Gelände „In den Rödern“ hat eine bewegte Vergangenheit. Die Militärgeschichte Babenhausens begann mit dem Einzug der Roten Dragoner 1869 und endete 2007, als das riesige Areal als Natura-2000-Gebiet gesichert wurde. Die Untere Naturschutzbehörde des Kreises hatte sich Gedanken um die künftige Nutzbarkeit des Areals gemacht und brachte die Wildpferde ins Spiel.

Das heutige EU-Vogelschutzgebiet umfasst knapp 86 Hektar. Es weist auch schützenswerte Lebensräume für diverse Pflanzen auf. Die Erhaltung und Pflege der sandigen Fläche bietet seltenen Pflanzen- und Tierarten die Chance, einen idealen Lebensraum zu finden. Das Problem: Werden die Flächen sich selber überlassen, nehmen die Bestände von Birken, Weiden oder Kiefern zu und zerstören den für die seltenen Tiere und Pflanzen wichtigen Offenlandcharakter. Das Gelände bedarf also einer kontinuierlichen Pflege. Und hier kommt Equus ferus przewalskii ins Spiel: Weil ein Beweidungskonzept mit Schafen nur eingeschränkte Möglichkeiten bietet, sind die Wildpferde gefragt. Dadurch dass sie den sandigen Boden mit ihren Hufen auflockern und gerne mal ein Bad darin nehmen, erhalten sie wichtige Strukturen in dem Biotop, das durch die militärische Nutzung zu dem geworden ist, was es jetzt ist: das größte Vorkommen von Dünen mit offenen Grasflächen in der Untermainebene.

Przewalski-Pferde in Babenhausen

Przewalski-Pferde in Babenhausen

Im Vorfeld der Ansiedlung gab es viele Gespräche, Fragen mussten beantwortet werden. Was tun bei Gewitter oder bei einem Brand? Brauchen die Tiere einen Unterstand? Wie sieht es mit der Wasserversorgung aus? Was ist im Winter? Nur beim Thema Futter war schnell klar: Das suchen sich die Tiere selber. Völlig alleine sind die Wildpferde aber nicht. Im Auftrag des Bundesforsts kümmern sich Werner Zitterbart und Iris Malzkorn um das Quintett und sehen täglich nach dem Rechten. Die Tierarztpraxis Konfurter Mühle übernimmt die veterinärmedizinische Betreuung.

Wie Paulin Kammann sagte, ist es noch nicht klar, wie lange die einzelnen Tiere in Babenhausen verweilen, auch wenn das Projekt auf Dauer angelegt ist. Die Herde kann erweitert oder einzelne Tiere können ausgetauscht werden. Ziel ist es, die Wildpferde wieder in der Mongolei, ihrem Ursprungsland, anzusiedeln. „Wir sind sehr daran interessiert, dass viele Menschen kommen und sich die Tiere anschauen“, erläuterte Sylvia Kloetzel, „das sorgt für eine positive Stimmung.“ Das Gelände ist nicht, wie in Hanau, abgesperrt, sondern frei zugänglich. Am Zaun lassen sich die Tiere beobachten. Die Stadt will demnächst Führungen anbieten, die drei Euro pro Teilnehmer kosten. Angesprochen sind besonders auch Schulklassen. Infos gibt es im i-Punkt der Stadt, Tel.: 06073/602-74 oder -75.

Quelle: op-online.de

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