Quetschemännchen aus Langstadt

Kleine Glücksbringer aus Pflaumen

+
Die kleinen Quetschemännchen hat Inge Bader jahrelang liebevoll selbst gebastelt.

Langstadt - „Obwohl doch ihr´ Herzen von Quetsche en Kern, Ihr Köpp nur e Walnuss: sie hatte sich gern!“ So schreibt der Frankfurter Mundart-Dichter Erich Fries über die kleinen Pflaumenmännchen, die für Liebhaber lebendig werden. Von Corinna Hiss

Inge Bader liebt ihre Quetschemännchen aus ganzem Herzen. Gut 150 Stück hat sie jedes Jahr selbst gebastelt – und das 30 Jahre lang. Beim Quetschemännchen werden getrocknete Pflaumen und Nüsse mit Draht so zusammengefügt, dass sich daraus ein menschenartiger Körper ergibt. Traditionell ist das Quetschemännchen ein Schornsteinfeger oder Musikant, der dem Besitzer Glück bringen soll. Die 75-Jährige lässt ihrer Fantasie aber freien Lauf und bekleidet ihre Männchen mit allem, was ihr einfällt. So war ein Pärchen für eine Kundin Braut und Bräutigam, andere Männchen sind Schäfer oder Obstsammler.

Woher die etwa zehn Zentimeter großen Gestalten kommen, weiß niemand so genau. Ihre Legende wird oft in Gedichten und Liedern beschrieben. Für Inge Bader gehören die schrumpeligen Männchen aber zu Weihnachten wie der Geruch von Zimt und Lebkuchen. „Heute kennen viele leider keine Quetschemännchen mehr“, bedauert sie. Nach und nach verschwinde der Brauchtum von den Weihnachtsmärkten der Region.

Die gelernte Erzieherin aus Langstadt hat ihre Männchen jahrelang auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt verkauft oder im Museum in Otzberg Kurse gegeben, wie sie gebastelt werden. Jetzt rückt die Adventszeit immer näher, doch schweren Herzens hat sich Inge Bader dazu entschlossen, dass dies nun ihre letzten Quetschemännchen sind. „Die Gesundheit spielt nicht mehr ganz so mit“, bedauert sie, „daher werde ich ab diesem Jahr nicht mehr auf den Weihnachtsmärkten verkaufen.“ Die Liebe zu den Männchen bleibt aber weiter bestehen, für Freunde und Familienmitglieder wird sie sicher noch das eine oder andere herstellen.

Pflaumenmännchen deutschlandweit bekannt

Die Tradition der Pflaumenmännchen ist über weite Teile der Republik verstreut. In Stuttgart sind sie als Hutzelmännle bekannt, in Dresden als Pflaumentoffel in Gestalt von Kaminfegerkindern. In unseren Kreisen war es früher üblich, dass der Mann seiner Angebeteten ein Quetschemännchen hat zukommen lassen. „Wurde es angenommen, wusste er: Sie will mich“, erzählt die 75-Jährige. Der Brauch war, dass die kleinen Männchen ursprünglich als Naschwerk für Kinder zu Nikolaus und Weihnachten verschenkt wurden. Heute werden sie nicht mehr gegessen, denn bei trockener Lagerung halten sie sich jahrelang. Ihr Reiz liegt für Bader in der Vielfältigkeit der Ausstattung.

Direkt unter dem Dach ihres Hauses hat sie ihr kleines Kämmerchen, wo die Männchen Hüte aufgesetzt, Schürzchen umgewickelt und Leitern in die Hand bekommen. Inge Bader näht alles selbst und achtet dabei aufs kleinste Detail. Ihr Pilzsammler-Quetschemännchen (siehe Bild) besitzt nicht nur einen Korb voller Miniaturpilze, er trägt auch auf dem Rücken eine Kiepe gefüllt mit kleinen Tannenzapfen und sein Filzhut ist mit einer winzigen Feder verziert. „Die Kleider erwecken die Figuren erst zum Leben“, findet sie.

So sieht jedes Männchen anders aus und ist so individuell, wie sein Besitzer. Wie lange Inge Bader braucht, ein Quetschemännchen fertig zu stellen, kann sie nicht sagen. Dafür seien zu viele Handgriffe vorgesehen. „Ich habe aber das ganze Jahr meinen Quetschemännchen-Blick“, verrät sie. So sammle sie die Ideen immer, wenn sie unterwegs ist. Wenn sie die getrockneten Pflaumen auf festen Draht fädelt, macht sie sich dafür gerne die Hände schmutzig. „Das klebt ganz schön und ist eine Schweinerei“, sagt sie schmunzelnd. Dennoch fällt es ihr sichtlich schwer, keine neuen Männchen mehr zum Leben zu erwecken. Einige ältere, schon vor Jahren gebastelte, werden ihr Kämmerchen aber immer füllen.

Quelle: op-online.de

Kommentare