Babenhäuser Territorialmuseum

Rückkehr nach einer langen Reise

+
Das Kelchknospen-Kapitell aus dem Babenhäuser Schloss ist rund 825 Jahre alt.

Babenhausen - Das Territorialmuseum bietet nicht nur Ausstellungsstücke und Relikte: Zu den meisten finden sich auch Begebenheiten, die von abenteuerlich über spannend bis unglaublich reichen. In einer Serie stellen wir die interessantesten Geschichten vor. Von Michael Just 

Es gehört zu den schönsten Ausstellungsstücken im Territorialmuseum: Das Kelchknospen-Kapitell. Ursprünglich war diese außergewöhnliche Steinmetzarbeit im Babenhäuser Schloss zu finden, wo es insgesamt vier dieser Abschlüsse gibt. Sie verleihen der großen Säulenhalle, die von 1188 bis 1189 entstand, nicht nur eine eigene Note, sondern stützen auch die Decke aus Eichenbalken. Die Balken sind wiederum für die Historiker von besonderer Bedeutung, denn die Jahresringe im Holz verraten den Dendrochronologen, wann die Bäume gefällt wurden. Mit ihnen lässt sich der zweijährige Bau der Säulenhalle ganz exakt auf das ausgehende 12. Jahrhundert datieren. Wer jetzt einhakt und anführt, dass die ermittelte Bauzeit vielleicht nicht ganz zutrifft, da Baumstämme vor der Verwendung manchmal jahrelang gelagert werden, hat sicherlich recht - wenn auch nicht in diesem Fall: „Eichenholz wird sehr schnell ziemlich hart und lässt sich dann kaum noch bearbeiten. Das ist gilt umso für vorangegangene Jahrhunderte, als nur recht einfaches Werkzeug vorlag“, weiß Georg Wittenberger vom Babenhäuser Heimat- und Geschichtsverein.

Damit lässt sich von einer zeitnahen Verarbeitung des Holzes ausgehen. Jene Säulenhalle, in der nicht wenige prunkvolle Zeremonien stattgefunden haben, bescherte Babenhausen damals ein Alleinstellungsmerkmal: 38 Meter lang und 4,45 Meter hoch, war sie zu ihrer Entstehungszeit die größte nördlich der Alpen. Doch zurück zu den Kapitellen: Um 1900 wurden von den vier Originalen drei durch Nachbildungen ersetzt, wohl deshalb, weil der Landeskonservator glaubte, den Zahn der Zeit erkannt zu haben. Nur eines blieb im Schloss bis heute in seinem Urzustand erhalten. Die ausgetauschten Exemplare begaben sich fortan auf eine über 100-jährige Reise: Zu Beginn wurden sie in einem Lapidarium in Seligenstadt eingelagert. Als Lapidarium bezeichnet man eine Sammlung von großen Steinarbeiten. Darunter fallen Skulpturen, Sarkophage, Epitaphe, aber auch Meilen- und Grabsteine. In Seligenstadt überdauerten die Kapitelle zwei Weltkriege. Dann führte ihr Weg in die Wetterau, anschließend in den Taunus.

Grünes Licht mit strengen Auflagen

Mit der Gewissheit, dass das Territorialmuseum kommt, setzte der Babenhäuser Heimat- und Geschichtsverein alles daran, eines der Originale zu erhalten. Das geschah beim Besitzer, der hessischen Verwaltung für staatliche Schlösser und Gärten. Die Landesbehörde gab grünes Licht, wenn auch mit einer ganzen Reihe von Auflagen. Ein Leihvertrag musste sein, gepaart mit strengen Anordnungen für Transport und Ausstellung. Halterungen, Stützen, Dübel sowie alles, was den Sandstein nur in geringstem Maße in Mitleidenschaft ziehen könnte, untersagte die Behörde. Als wenige Tage vor der Museumseröffnung endlich alle Unterschriften vorlagen und das Kapitell in Babenhausen eintraf, waren größere Hilfsmittel und Geschick nötig, die 200 Kilo auf ihren vorgesehenen Platz zu hieven. Die Handhabe mit Tragegurten schied aus: Zu groß zeigte sich das Risiko, dass etwas reißt, verrutscht und das Kapitell beschädigt wird. Garantiert sicher war da nur eine fahrbare Arbeitsbühne, die, in der Amtsgasse platziert, das gute Stück von außen in die mittelalterliche Abteilung beförderte. Durchs ausgehängte Fenster - und anschließend auf Böcken und Bohlen - ging´s Zentimeter für Zentimeter auf den finalen Standort.

Neues Museum in Babenhausen eröffnet

Neues Museum in Babenhausen eröffnet

Als endlich das „geschafft!“ erklang, fiel allen Helfern ein Stein vom Herzen. Der geflossene Schweiß war die Sache wert: „Es ist ein Original, dazu haben wir uns von den drei das Schönste rausgesucht“, erzählt Georg Wittenberger nicht ohne Stolz. Ebenfalls beruhigend: Beim Sicherheitskonzept des Museums spielt die rund 825 Jahre alte Arbeit keine Rolle. Hier ist mehr als gewiss, dass die 200 Kilo so schnell keiner wegträgt.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare