US-Army-Veteranen in ehemaliger Kaserne

Rückkehr in die zweite Heimat

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US-Army-Veteranen besuchen ihren ehemaligen Stützpunkt in Babenhausen. Der frühere US-Kommandeur George Newman und seine Frau Jane in der ehemaligen Babenhäuser Kaserne.

Babenhausen - Der Weg durch das hohe Gras fällt George Newman schwer. Zum einen muss er das wuchernde Unkraut niedertreten, zum anderen ist dieser Morgen mit unzähligen, bewegenden Erinnerungen verbunden. Von Michael Just

An einem kleinen, zweistöckigen Haus, das ihm sehr vertraut ist, schaut er in die Fenster. Der Anblick der Leere und der sich dunkel verfärbten Wände ruft bei ihm einen Seufzer hervor. „Der Garten war mal eingezäunt“, erzählt er auf englisch und deutet dabei auf einen hölzernen Lamellenzaun, der einst keinen Durchblick gewährte und der nun in vielen zerfallen Einzelteilen weit und breit verstreut liegt. Wenig später nimmt er seine Frau Jane in den Arm und lässt sich auf der Terrasse fotografieren, vor der sich eine Wildwiese ausbreitet. An das alleinstehende Wohnhaus in der Babenhäuser Kaserne, das als einzige Unterkunft eine Garage besitzt, hat Newman viele Erinnerungen: Als Kommandeur der 41. Brigade Field Artillery hat der heute 70-Jährige darin von 1990 bis 1992 gewohnt. Am Mittwochmorgen zieht, nach der Schließung 2007, für zwei Stunden wieder Leben in den ehemaligen US-Truppenstandort an der Aschaffenburger Straße ein. Rund 25 Personen, die meisten extra aus Amerika angereist, tauchen, zum Teil nach 50 Jahren, wieder an jenem Ort in die Vergangenheit ein, wo sie einst unter dem wehenden Sternenbanner ihrem Vaterland dienten.

Darunter sind ehemalige Soldaten mit ihren Frauen, aber auch deren Nachkommen, so wie David Elizondo. Der 29-Jährige ist heute bei der US-Air Force in Geilenkirchen. Als Kind wuchs er in der Kaserne auf und besuchte dort die Elementary School (Grundschule). Nun hat er selbst vier Kinder, denen er seine Jugenderinnerungen am „Originalschauplatz“ zeigen und erzählen will. Hinter dem Besuch steht „Veterans und Friends Babenhausen“ eine amerikanische Vereinigung, der rund 350 Personen angehören und die alle mit der Gersprenzstadt ein Stück Lebensweg verbinden. Regelmäßig trifft man sich in den USA, dazu wird alle paar Jahre eingeladen, nach Babenhausen zu kommen. Die Anreise für die Mitglieder aus den verschiedenen US-Bundesstaaten ist individuell. „Wir sind nur sechs Tage da. Aber das Treffen wollten wir uns nicht entgehen lassen“, erzählt Sheryl Nash Fritz aus Oklahoma, die mit ihrem Gatten, wie die meisten anderen, schon im Rentenalter ist. Ihren Mann hat sie in der kleinen Kapelle der Babenhäuser Kaserne geheiratet.

„Das ist Zuhause“

Um die weit gereisten Besucher kümmert sich Georg Wittenberger vom Territorialmuseum, dazu Jimmy Mc Cenna, der in Babenhausen wohnt und dessen Vater hier ebenfalls Soldat war. Beim Empfang im Rathaus hebt Bürgermeisterin Gabi Coutandin in ihrer Rede heraus, dass es ein glücklicher Umstand sei, dass sich die einstigen Kriegsgegner USA und Deutschland heute im Frieden begegnen können. Walt Duke, Direktor von „Veterans und Friends Babenhausen“, überreicht ihr einen Blumenstrauß. Der 77-Jährige kam schon fünfmal an seine alte Wirkungsstätte zurück. An Babenhausen hat er ausschließlich positive Erinnerungen. „Wir haben uns wohl gefühlt. Dazu hat uns die Bevölkerung sehr gut aufgenommen“, erzählt er. Zur Reise in die Vergangenheit ist auch Brigitte O‘Presca gekommen. Die Deutsche aus Zweibrücken erledigte von von 1987 bis 1998 die Öffentlichkeitsarbeit für die Babenhäuser Kaserne. Auch sie hat einen US-Soldaten geheiratet, mit dem sie heute in Heidelberg lebt. „Den habe ich aber nicht in Babenhausen kennengelernt“, sagt sie lachend. John O‘Presca, Kapellmeister bei der Militärmusik, war unter anderem in Frankfurt, Wiesbaden und Mannheim stationiert.

So begann der zweite Weltkrieg

So begann der Zweite Weltkrieg

Seine Frau freut sich vor allem auf das Wiedersehen mit George Newman („das war mein Lieblings-Kommandeur“), mit dem es damals viel abzusprechen gab. Wie Newman waren die meisten Soldaten aber nicht allzu lange in Babenhausen stationiert, viele wurden bereits nach zwei Jahren wieder versetzt. Trotz dieser kurzen Zeit nahmen die meisten bleibende Eindrücke mit. „Good Memories - gute Erinnerungen“ und sogar „this is home - das ist Zuhause“ ist beim Gang durch die Kaserne immer wieder zu hören. Dazwischen schleicht sich auch ein „crazy“ und damit ein „verrückt“ ein, wie der Lauf der Zeit die Kaserne nun in eine Geisterstadt verwandelt hat. So zeigt sich der Besuch mit vielen Emotionen verbunden. Die rangieren von sentimental bis schmerzvoll, denn der Verfall der Gebäude und das meterhohe Unkraut tut vielen Besuchern spürbar in der Seele weh. Eine der schönsten Erinnerungen hat Georg Newman parat. So importierte der hochrangige Offizier nach dem Mauerfall einen Trabant nach Washington D.C. Der Zweitakter steht bei ihm noch heute in der Garage und kommt bei Ausfahrten und Auto-Schauen zum Einsatz, bei denen dieser stets großes Aufsehen erregt. „In Deutschland war es mir nicht vergönnt zu bleiben - aber ich habe ein Stück Deutschland mitgenommen“, sagt er über sein Schmuckstück.

Quelle: op-online.de

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