Mal fehlt ein Auge, mal ein Bein

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Schaafheimer Puppendoktorin Sabine Krautwurst verarztet gute alte Liebhaberstücke. Auch für Puppen gibt es so eine Art Sprechstunde: Sabine Krautwurst im Gespräch mit einer Kundin.

Schaafheim - „Aha, ist das das Wartezimmer?“, scherzt eine Besucherin im Dieburger Schloss Fechenbach. Der Hintergrund: Die Puppendoktorin Sabine Krautwurst ist im Ausstellungsraum zu Besuch – und stößt mit ihrer fünfstündigen Sprechstunde auf großes Interesse. Von Fabian Sell 

Gleich zu Beginn müssen sich Neuankömmlinge samt ihrer kranken Puppen in eine Schlange einreihen. Die Wehwehchen und Probleme sind dabei ganz unterschiedlich: von zu ersetzenden Augenlinsen über das Aufziehen der Puppe bis hin zu neuen Armen und Beinen, gehen die Anfragen. Die Puppendoktorin Sabine Krautwurst ruht an ihrem Besprechungstisch. Wenn sie mit den anwesenden Frauen über das Leiden der Puppen redet, spricht sie ebenso langsam wie betont – und füllt ihr Notizbuch Stück für Stück mit Anliegen und Adressen. Jede Puppe gilt es dabei einzuordnen: Ist dies eine Schildkröt-Puppe oder ein Exemplar des früheren Babenhäuser Herstellers von Cellba? Stammt sie aus den 30er-Jahren oder ist sie ein Werk der 80er? Krautwurst, die als Sammlerin über 300 Puppen ihr Eigen nennt, fällt das leicht.

Indes ist Hilfe meist, aber nicht immer möglich. Kuli-Schmiererien auf den Puppenaugen etwa gehen nicht weg, weil sie längst in das Plastik eingezogen sind. Kompliziert ist auch der Fall einer Puppe, bei der beide Beine weggebrochen sind. Die einzig mögliche Lösung: Die Puppenbeine anzukleben. Je nach Vorfall und Puppenart wird es unterschiedlich lange dauern, bis Krautwurst die Reparatur fertigstellt. Denn die entsprechenden Ersatzteile muss sie erst im Internet bestellen; gerade bei älteren, seltenen Puppen kann es lange dauern, bis sie die Ersatzteile zusammen hat.

Doch das hält die Frauen, die in ihre Sprechstunde kommen, nicht ab. „Es waren Puppen aus der Kindheit“, sagt Krautwurst, als sich nach fünf Stunden über 40 Puppen angesammelt haben. Es sind Puppen, die den Eigentümerinnen viel bedeuten – und für deren Reparatur sie zuweilen bereit sind, deutlich über 100 Euro zu zahlen.

Doch wie lernt man überhaupt, Puppen zu reparieren? „Puppendoktorin ist kein Lehrberuf. Man eignet sich das an“, sagt Sabine Krautwurst. An Puppen werkelt die Schneidermeisterin schon seit über 15 Jahren. Das Handwerk dazu hat sie bei einer Kollegin gelernt, die ihr vermittelte, wie man alte Exemplare wieder herrichtet. Erst kürzlich eröffnete Krautwurst zusammen mit ihrem Mann sogar einen eigenen Laden in Schaafheim. Dort steht Krautwurst nicht nur als Puppendoktorin hinter dem Tresen, sondern verkauft etwa auch Dekorationsartikel oder bietet Nähkurse an. Eine Sprechstunde für kranke Puppen gibt es natürlich auch.

Quelle: op-online.de

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