Tausende Stunden für schöne „Engel“

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Heinz Köcher und Peter Hartmann: Sieben Jahre Sanierung sind so gut wie zu Ende: Das ehemalige Gasthaus zum Engel (im Hintergrund) strahlt in neuem Glanz.

Babenhausen - Wer regelmäßig durch die Bummelgass´ läuft, kennt diese beiden Männer bestimmt: Heinz Köcher und Peter Hartmann. Mit einem Blaumann sah man sie die letzten Jahre immer wieder beim Mörtel anrühren, Mauern, Dachbalken befestigen oder die Fassade anlegen. Von Michael Just

Zeit zum Beobachten blieb reichlich: um genau zu sein sieben Jahre. So lange dauerte nämlich die Renovierung des alten Fachwerkhauses in der Fahrstraße 39, besser bekannt als das einstige „Gasthaus zum Engel“.

„Erst war es Hobby, dann Stress. Jetzt wollen wir nur noch fertig werden“, lachen die beiden. Die Freude ist berechtigt, denn in wenigen Tagen ist die Fertigstellung abzusehen. Dann wird im Erdgeschoss ein Café eröffnen, darüber sind drei neue Wohnungen entstanden. Dass es solange gedauert hat, ist schnell erklärt: Fast alles an dem denkmalgeschützten Bau von 1680 wurde in Eigenarbeit vorwiegend an den Wochenenden errichtet.

Kenngelernt auf der Fachingenieursschule in Darmstadt

Kein Problem für Köcher und Hartmann, die als Bauingenieure und Architekten die nötigen Qualifikationen mitbringen. Dazu ist Köcher gelernter Maurer, Hartmann, der eine Ausbildung als Bauzeichner hat, bekam von seinem Vater, einem ausgezeichneten Handwerker, etliches Rüstzeug mit auf den Weg.

Kennengelernt haben sich die heute 60-Jährigen auf der Fachingenieursschule in Darmstadt. Hartmann ist echter Babenhäuser und erbte mit zwei Familienangehörigen das Haus des Großvaters. Alle Verkaufsversuche scheiterten - kein Wunder, stand die Brandruine nach einem Feuer bereits 20 Jahre leer. Dann fasste das Duo einen kühnen Plan: Als Partner zahlte man die anderen Erben aus und machte sich an die Sanierung.

Was in den Folgejahren geleistet wurde, lässt sich vor allem auf den „Vorher-nachher-Fotos“ ahnen. Dann wird die ehemalige Trümmerlandschaft sichtbar, die aus unzähligen, kreuz und quer liegenden morschen Balken sowie eingestürzten Decken und Wänden mit der Konsistenz von Gipsbrei bestand. So verwundert es nicht, dass für den einstigen Schandfleck schon eine Genehmigung für einen Teilabriss vorlag. Nachdem das gesamte Haus stehen blieb, wurde von Amts wegen die Einzäunung mit Gerüst und Netz verfügt. Die Begründung war augenscheinlich: „Gefahr für Leib und Leben durch gelöste Balken und Ziegel.“

Nachbar brachte mitleidig Glühwein

Umtriebig wurden alle tragenden Elemente wie Decken und Wände erneuert und ein komplett neuer Kern errichtet. Aus einem „Kriechkeller“ wurde ein richtiger Keller mit betonierten Wänden.

Sollen Köcher und Hartmann ihre Arbeitsstunden in den letzten sieben Jahren schätzen, kommen sie auf die stolze Zahl von rund 8000. Selbst im Winter bei minus fünf Grad wurde gearbeitet, so dass ein Nachbar einmal fast mitleidig einen Glühwein brachte.

Als jüngst ein Zeitungsartikel auswies, dass die Sanierung eines Fachwerkhauses in Stockstadt die stolze Summe von einer Million Euro verschlang, mussten die beiden lächeln: „Zählt man bei uns Arbeitsmaterial und -zeit zusammen, dürften wir auf die gleiche Summe kommen.“ Wer schon einmal ein denkmalgeschütztes Haus renoviert hat, der weiß um die gewaltigen Auflagen. „Wir haben konserviert, was geht“, fällt der Blick zurück. Gerne hätten sie mehr erhalten, aber im Inneren war einfach schon zu viel kaputt, wozu nicht nur die eingebrochenen Stuckdecken zählten. Einmal fuhren die passionierten „Privat-Sanierer“ bis nach Lohr, um dort einen Original-Trägerbalken von einem abgerissenen Fachwerkhaus zu holen. In diesem Fall ist Holz nicht gleich Holz. Für die Deutsche Stadt-und Grundstücksentwicklungsgesellschaft mbH wurde alles mit einem Bautagebuch dokumentiert, dafür gab´s einen Zuschuss.

Energetisch auf dem neuesten Stand

Jetzt präsentieren die beiden ein Haus, das nur noch äußerlich an 1680 erinnert. Energetisch auf dem neuesten Stand, hat es nahezu Passivhausstandard. Es wurde eine Luftwärmepumpe mit Solaranlage und Fußbodenheizung eingebaut. Neueste LED-Technik bringt Licht in das Gebäude. Die Wärmerückgewinnung sorgt im Winter wie im Sommer für frische und staubfreie Luft.

Blicken Köcher und Hartmann auf ihr Werk, kommt nicht nur Zufriedenheit auf, sondern auch die Hoffnung, noch viele Nachahmer zu finden, die ein altes Fachwerkhaus günstig kaufen und dann mit viel Ehrgeiz wieder auf Vordermann bringen. Damit wollen sie sich für die Erhaltung der alten Ortskerne in vielen Städten und Gemeinden aussprechen und gegen die voranschreitende landschaftliche Zersiedlung.

Ihren Beitrag dafür haben sie eindrucksvoll geleistet. In Zukunft soll das Klettern auf dem Gerüst gegen regelmäßiges Kaffeetrinken getauscht werden. Die Begründung klingt plausibel: „Sieben Jahre sind genug.“

Quelle: op-online.de

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