Sauberer Strom vom Solarsee

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Sieht gewaltiger aus, als es werden soll: Die Module auf dem See nehmen rund ein Drittel der Wasserfläche ein und sind von Wasserflächen durchzogen.

Babenhausen ‐ Es ist ein Projekt, wie es in dieser Größe weltweit wohl kein zweites gibt: Die K.W. Hardt KG betritt mit einem Vorhaben Neuland und könnte Vorreiter sein für die wirtschaftlich effiziente und ökologisch nachhaltige Nutzung ehemaliger Bergbau-Seen oder die Gewässersanierung. Von Stefan Scharkopf

Das Unternehmen will auf seinem See entlang der Dudenhöfer Straße das Pilotprojekt „Solarsee“ realisieren: Auf dem rund 15,5 Hektar großen Gewässer „schwimmen“ auf rund 4,4 Hektar mit einander verbundene Solarmodule, die auf 8,5 Hektar Konstruktionsfläche aufgeständert sind. Diese Photovoltaikanlage liefert jährlich 6,5 Megawatt sauberen Strom und könnte damit 6 000 Menschen versorgen (siehe blauen Kasten).

„Die Verbindung aus Wirtschaftlichkeit mit ökologischen Aspekten verstehen wir als Pilotprojekt und Alleinstellungsmerkmal“, sagt Andreas Bludau, Mitglied der Geschäftsleitung der Hardt KG. Seine Firma tritt als Entwickler und Betreiber der Anlage auf. Geschätzte Gesamtkosten: ein zweistelliger Millionenbetrag.

Bei herkömmlichen Anlagen rechnet man nach zehn bis elf Jahren damit, Gewinn zu machen. Hier könnte es etwas später der Fall sein wegen der hohen Entwicklungskosten für das Schwimmsystem.

Die Hardt KG baut seit den sechziger Jahren Quarzsand und Kies ab. Die Vorräte beim See an der Dudenhöfer Straße sind weitgehend erschöpft, so dass im Winter 2007/08 die Nassgewinnung eingestellt wurde. Jetzt geht es an die Rekultivierung des Geländes. Künftig soll auf der Wasserfläche des 30 Meter tiefen Sees also regenerative Energie gewonnen werden.

Bludau betont ökologischen Aspekt

Dafür ist eine Änderung des Flächennutzungsplans notwendig. Die Stadtverordnetenversammlung hat in ihrer Sitzung vom Donnerstagabend dem Projekt bei nur einer Gegenstimme ihren Segen gegeben und für gut befunden. Zuvor hatte auch der Ortsbeirat Kernstadt und der Bauausschuss zugestimmt. Die Seefläche und die angrenzenden Uferzonen werden als „Sondergebiet Erneuerbare Energien Photovoltaik“ ausgewiesen.

Die Solarmodule werden auf Pontons montiert, die zu einer schwimmenden Gesamtanlage verbunden und am Seeboden befestigt werden. „Über Kabel wird der erzeugte Strom zu Transformatoren und Wechselrichtern und schließlich zum Umspannwerk der HEAG geleitet“, beschreibt Andreas Bludau das Vorhaben. Die Energieversorger sind gesetzlich angehalten, eher Ökostrom in ihr Netz einzuspeisen als herkömmlich produzierten. Die Abnahme ist also sichergestellt.

Die Photovoltaikanlage soll außerhalb der Uferzone, also in der Seemitte, errichtet werden. Bludau betont den ökologischen Aspekt: „Der Naturschutz kann sogar von dem Vorhaben profitieren. Durch den Schattenwurf der Anlage wird das Seewasser geringer erwärmt und dadurch die Eutrophierung verlangsamt.“

Die Anlage ist keine geschlossene Fläche, zwischen den einzelnen Modul-Elementen gibt es offene Wasserzonen, daher werden schädliche Auswirkungen auf die Fischbestände nicht erwartet. Die einzelnen Elemente können unterhalb der Solarmodule von Wasservögeln auch als künstliche Inseln genutzt werden. Wie Bludau sagt, werde der See auch nicht von Zugvögeln als Rastplatz aufgesucht. Wasservögel seien vorwiegend am Ufer zu finden. „Es sind keine erheblichen Auswirkungen auf Flora und Fauna zu erwarten.“

Auch Reflexionen seien weitgehend auszuschließen, da die Anlage wegen ihrer Beschaffenheit nur gering und nur bei sehr niedrigem Sonnenstand Licht reflektiere und mehrere Meter unterhalb der Geländeoberkante liegen werde. Das Landschaftsbild werde nicht beeinträchtigt.

Standort eine Alternative zu den Ackerböden

Die Vorteile des Standorts auf dem Wasser liegen laut Bludau auf der Hand: Auf Dächern gibt es im Sommer oft einen Hitzestau, der die Funktionsfähigkeit der Solarmodule beeinträchtigen kann. „Forschungen haben gezeigt, dass auf Dächern die Energieausbeute wegen des Hitzestaus bei nur 70 bis 80 Prozent liegt, wegen der Verdunstungskühle auf dem Wasser sind es 90 Prozent“, rechnet der Betriebswirt vor. Durch die höhere Luftreinheit über dem Wasser sei die Laminierung der Modul-Oberfläche nicht beeinträchtigt, wie das des Öfteren bei Bauernhöfen wegen des Ammoniaks aus der Viehhaltung der Fall sei.

Schließlich sei der Standort auch eine Alternative zu den Ackerböden, die eigentlich für die Nahrungsmittelproduktion freigehalten werden sollen. Ohnehin wird gerade an einem Gesetz gefeilt, dass auf landwirtschaftlichen Arealen keine Photovoltaikanlagen mehr installiert werden sollen, nur noch auf Konversionsflächen, etwa auf ehemaligen Kasernen.

Ergänzend zur Rekultivierungsplanung ist laut Bludau auch daran gedacht, das nördliche Ufer für Naturschutzmaßnahmen zur Verfügung zu stellen. Durch den Rückbau des Weges am Nordufer, die Schaffung von Inseln sowie einer Steilwand wird der betreffende Teil für den Naturschutz aufgewertet.

Bereits in diesem Frühjahr soll Baurecht geschaffen, die Photovoltaikanlage errichtet und im Sommer in Betrieb genommen werden. Die vorhandenen Infrastruktureinrichtungen sowie die Aufbereitungs- und Weiterverarbeitungsanlagen für den Kiesabbau inklusive der Lagerflächen sollen im Rahmen der geplanten Förderung südwestlich der Landestraße 3116 weiter betrieben werden.

Quelle: op-online.de

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