Von Sauplatz bis Stadtteilhistorie

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Rund drei Stunden war die 50-köpfige Wanderschar auf, die Südostgrenze Harreshausens zu Fuß zu erkunden.

Harreshausen - Jahrelang wusste man in Harreshausen zwar, was ein Grenzgang ist, führte diese alte Tradition, die auf Streitigkeiten der Orte wegen angeblicher oder tatsächlicher Grenzverschiebungen beruht, aber nicht durch. Diese Zeiten haben nun ein Ende: Am Samstag morgen fand nach vielen Jahren wieder ein Grenzgang in Harreshausen statt. Von Michael Just

Der lokale TSV hatte nicht nur die Idee zur Wiederbelebung sondern übernahm auch die Durchführung. Los ging’s am Sportplatz, eine Pause wurde an der Papiermühle eingelegt und der Abschluss mit verdienter Stärkung (Kartoffelsupp’ und Rindswurst) wartete in der Hofreite der Familie Wollschläger.

„Ich hab’ noch nie einen Grenzgang mitgemacht. Ich bin gespannt, was da kommt“,sagte Ortsvorsteherin Heidrun Koch-Vollbracht. TSV-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Burkhardt ließ die Politikerin nicht im Ungewissen: „Die Sache soll bei uns nicht wissenschaftlich werden“,klärte er auf. Zwar habe man ein paar Informationen zu den ureigenen Harreshäuser Themen Blumen, Sand und Wiesen vorbereitet, dennoch solle die Aktion vor allem entspannend sein. Mit Bezug auf „Frankfurter Schuh’ und Harreshäuser Füß’“ habe man gut begehbare Wege ausgewählt.

Burkhardt war sich sicher, dass der Grenzgang nicht langweilig: „Viele Dinge über den Ort lassen sich nicht nachlesen.“Darunter auch die erste urkundliche Erwähnung des Stadtteils: „Wer die Homepage der Stadt Babenhausen anklickt stellt fest, dass es uns eigentlich gar nicht gibt.“ Bei allen anderen Stadtteilen sei die erste urkundliche Erwähnung angeführt – nur nicht bei Harreshausen. Burkhardt nimmt’s gelassen: „Wir waren sowieso die Ersten, da müssen wir uns ja selbst nicht aufschreiben.“

Transparenter sei da die Geschichte des TSV. „Wo heute der Sportplatz ist, hat man früher Sand abgebaut“,erklärte der Vorsitzende. Nicht weit weg sei auch der Sauplatz gewesen. „Immer, wenn der Polizeidiener gepfiffen hat, haben die Leute ihre Säue rausgelassen.“ Der „Sauplatz“ hat die Aufgabe gehabt, Schweine zu mästen. Meist geschah dies mit Eicheln und Bucheckern. Auch wurde das Borstenvieh auf dem Sauplatz verkauft. Beim Rundgang wurde Burkhardt von Hermann Glaser unterstützt. Als Ortslandwirt und Gärtner konnte er zahlreiche Informationen zu Land- und Waldwirtschaft geben. Bei der 50-köpfigen Wanderschar wurde schnell klar, dass nicht wenige Köpfe noch weitere Informationen zur Geschichte Harreshausens beitragen konnten. So fügte sich langsam ein Puzzle über eine äußerst interessante Ortsgeschichte zusammen.

Natürlich war es Samstag morgen unmöglich, die gesamten Grenzen von Harreshausen abzulaufen. Mit Babenhausen, Schaafheim, Groß-Ostheim/Ringheim, Stockstadt, Mainflingen oder Zellhausen kämen weit über 40 Kilometer zusammen. So beschränkte man sich auf den Südosten. Mit den Erläuterungen dauerte die Runde fast drei Stunden. Um das Grundwissen zu testen und auch zu schauen, ob das eine oder andere hängen geblieben ist, hatte der TSV einen Fragebogen vorbereitet, der sogar mit Sachpreisen verbunden war.

Nicht auf dem Bogen stand die Frage, warum Harreshausen so guten Kontakt zu Stockstadt hat, aus dem sogar schon viele Ehen hervorgegangen sind. Antwort lieferte Hans-Jürgen Burkhardt: „Viele Harreshäuser landen immer wieder bei den Nachbarn, weil sie gucken wollen, wo die Gersprenz hinfließt.“

Urkunde statt Internet

Auch wenn es auf der Babenhäuser Internetseite nicht steht: Harreshausen ist in den Annalen zu finden und wurde 1318 das erste Mal urkundlich erwähnt. Das Dokument gibt Auskunft über einen Pachtvertrag von Konrad Krieg, der die "Zehntabgabe" verpachtete. Die Information recherchierte Georg Wittenberger vom Babenhäuser Heimat- und Geschichtesverein für unsere Zeitung.

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