Schöner wohnen in Babenhausen

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„Bel Etage“ nennt Familie Munzel das zweite Obergeschoss, in dem sich Wohn- und Essbereich befinden.

Babenhausen ‐ Endlich ist es geschafft. Sechs Jahre harter Arbeit sind überstanden. Familie Munzel ist eingezogen in ihr neues Zuhause. Wobei „neu“ nicht gerade das richtige Attribut für das Fachwerkhaus in der Amtsgasse 31 ist: Es ist 465 Jahre alt. Von Veronika Szeherova

2005 erwarb das Ehepaar Katja Boost-Munzel und Reinhard Munzel das ehemalige Amtshaus der Gayling von Altheim. Im Internet sahen sie es und verliebten sich sofort in das ungewöhnlich große Fachwerkgebäude. „Im Grunde kamen wir dazu wie die Jungfrau zum Kind“, erinnert sich Katja Boost-Munzel. „Wir wollten nicht mehr so viel Miete zahlen, suchten im Internet und fanden dieses Haus als erstes.“ Es habe ihnen sofort gefallen, weil es so viel Platz biete – auf drei Stockwerken insgesamt 400 Quadratmeter. Ideal für Kinder und auch für die Eltern der Opernsängerin, für die eine eigene Wohnung im Erdgeschoss gedacht war. So fiel die Entscheidung, aus Wiesbaden nach Babenhausen zu ziehen, nicht schwer. Für Reinhard Munzel kam noch hinzu, dass er künftig einen kürzeren Anfahrtsweg zu seinem Büro in Ober-Ramstadt haben würde.

Mehr Bilder vom alten Gaylingschen Amtshaus

Einzug in das alte Gaylingsche Amtshaus

Dass in dem alten Gemäuer, das zuletzt eine Arztpraxis und Wohnungen beherbergte, noch viel zu tun sein würde, war dem Ehepaar klar. Aber dass es sechs Jahre dauern würde, bis sie einziehen, konnten sie nicht absehen. „Wichtig war uns, dass das Haus so wiederhergestellt wird, wie es ursprünglich gedacht war“, sagt Munzel, der für diese Aufgabe scheinbar prädestiniert war: Er ist Zimmermann und Diplom-Ingenieur für Architektur.

12.000 Arbeitsstunden stecken in dem Haus

Das erste Jahr nach dem Hauskauf pendelten Munzels zum Sanieren noch zwischen Wiesbaden und Babenhausen. Als eine kleine Wohnung im Nachbarhaus frei wurde, nutzten sie die Gelegenheit und zogen ein. Eine immense Spritkosten- und Zeitersparnis. Denn es verging kein Tag, an dem das Ehepaar nicht im neuen Domizil gearbeitet hätte. Freunde, Verwandte, Nachbarn – alle halfen mit. Nur die Sonntage gehörten der Familie. Rund 12.000 Arbeitsstunden stecken nun in dem Haus. 700 waren eigentlich geplant. Wobei Munzel weiß: „Bei so einem Bau gibt es keine Termine, nur Abfolgen. Und wie lange eine Abfolge dauern würde, war schwer vorauszusagen, weil meist etwas Unvorhergesehenes passierte.“

So fanden sie zum Beispiel im ersten Stock beim Freilegen einer Wand einen verborgenen Spitzbogen-Türsturz aus der Frührenaissance. Dieser ist für die vier- und sechsjährigen Töchter nun ihr „Prinzessinnendurchgang“. In vielen Zimmern gibt es außerdem farbige Kassettierungen, die sie nach und nach restaurieren lassen möchten. Weitere Funde waren eine Pistole aus dem Ersten Weltkrieg und eine französische Fünf-Franc-Münze von 1737. „Sie hat leider keinen Wert, und sonst haben wir im ganzen Haus kein Geld gefunden“, sagt der 37-jährige Bauherr mit bedauerndem Lächeln.

Auf dem Dach steht eine Solaranlage

Ein Fund, der sich gelohnt hat, war der von 850 alten Fliesen auf dem Speicher. Katja Boost-Munzel befreite sie von Staub und Spinnen, säuberte sie mit Hochdruckreiniger und ölte sie mit Leinöl – „achtmal“. Nun haben sie in der Küche einen neuen Platz. Der dunkle, alte Bodenbelag steht in perfektem Kontrast zu den modernen, hellen Küchenmöbeln.

Familie Munzel.

Dieser Kontrast zieht sich durch das ganze Haus. Denn obwohl das Ehepaar es optisch in seinen Zustand von 1546 zurückversetzte, ist die Möblierung modern – bis auf das Arbeitszimmer, dessen Möbel ein Erbe von Munzels Vater sind. „Umweltaspekte spielten bei der Renovierung eine große Rolle“, sagt der Architekt. So ist die Technik im Gayling-Haus wie auch die sanitären Anlagen nun auf dem neuesten Stand. Auf dem Dach befindet sich eine Solaranlage, im Keller eine Holzpelletheizung. Alles natürlich in Abstimmung mit dem Amt für Denkmalschutz.

Über 200 Tonnen Schutt wurden entsorgt

Die anstrengendsten Jahre der Restaurierung seien die ersten beiden gewesen, als sie das Dach neu gedeckt und den Putz rausgehauen haben. Über 200 Tonnen Schutt mussten entsorgt werden. Dankbar ist die Familie, in Babenhausen „sehr nett“ aufgenommen worden zu sein. „Ich durfte die Werkstatt vom hiesigen Schreiner mitbenutzen, und der Steinmetz lieh mir seinen Gabelstapler“, freut sich Munzel.

Das ersehnte Ziel, Weihnachten im neuen Zuhause zu verbringen, haben Munzels erreicht. Am 22. Dezember vergangenen Jahres sind sie eingezogen. „Hätten vielleicht nur zwei Arbeitsstunden gefehlt, hätte es möglicherweise nicht geklappt“, erinnert sich der Familienvater. Seine Frau ergänzt: „Wir sind so froh, dass alle gesund geblieben sind. Denn das ist das Wichtigste.“

Ein Weinkeller soll bald folgen

Wichtig ist der Opernsängerin auch, dass ihr Konzertflügel bald seinen Ehrenplatz im Wohnzimmer einnehmen kann. Noch steht er unten in der Wohnung ihres Vaters. Hauskonzerte könne sie sich gut vorstellen.

Weitere Wünsche sind ein Weinkeller, eine eigene Werkstatt in dem kleinen Nebenhäuschen, den Garten auf Vordermann bringen und die Restaurierung der ursprünglichen Treppe, die in den ersten Stock führt. „Das kann ich aber nicht selbst machen, da muss ein Spezialist ran“, sagt Munzel. „Und es kostet 15.000 Euro, das ist im Moment überhaupt nicht drin.“

Doch das Schlimmste, da ist sich das Ehepaar sicher, ist überstanden. „Jetzt können wir uns etwas entspannen und dann nach und nach die verschiedenen Projekte angehen“, sagt Katja Boost-Munzel. Und ihre Augen strahlen.

Quelle: op-online.de

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