Fotokünstler Reinhold Blaha

Die Schönheit des Verfalls

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An dieser Haltestelle auf dem Kasernengelände hält schon lange kein Bus mehr. Für sogenannte Urban Explorer wie Reinhold Blaha sind von Menschen verlassene Areale einTraum.

Babenhausen - Wenn es den Titel „Haus- und Hoffotograf der Kaserne“ gebe, dann würde ihn Reinhold Blaha tragen. Von Norman Körtge

Der 47-Jährige hat bereits Hunderte Fotos auf dem Gelände gemacht – und das bereits lange, bevor das Gelände im vergangenen Jahr aus dem Besitz des Bundes an die Kasernenkonversionsgesellschaft überging. Das wohl bekannteste – und bereits in einer Ausstellung präsentiert – zeigt einen völlig herunter gekommenen Wasch- und Toilettenraum, der trotzdem eine gewisse Ästhetik ausstrahlt. Im Interview berichtet der gebürtige Offenbacher Blaha, der seit 2010 in Babenhausen wohnt und hauptberuflich als Qualitätsassistent bei Continental arbeitet, über sein Faible für Verfallenes und seinen Traum.

Sie bezeichnen sich als Urban Explorer, was auf Deutsch so viel heißt wie Stadterkunder, wobei der Schwerpunkt auf verlassenen Gebäuden und Flächen liegt. Was macht den Reiz aus? 

Es ist die Faszination des Morbiden. Man muss ein Faible haben für Zerfallenes, Kaputtes und Zerstörtes. Es ist vergleichbar, wie wenn man sich ein Bild von einer schönen Landschaft anschaut, die ein berühmter Künstler gemalt hat. Bei mir ist eben ein zerfallenes Fabrikgelände abgebildet. Und man muss dort die Schönheit sehen. Diese sieht man nur, wenn man das Motiv genau betrachtet und sich vorstellt, welche Geschichte dahinter steht, wie es mal ausgesehen haben könnte. Das rückt dieses Bild in ein ganz anderes Licht. Diese Beziehung muss man bekommen. Es ist ein Stück Geschichte.

Sie waren bereits 2014 auf dem abgeriegelten Kasernengelände unterwegs und konnten Fotos machen. Wie haben Sie es geschafft, die Genehmigung dafür zu bekommen?

Zuerst hatte ich mich an die Stadt gewandt, die mich dann an die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben verwies. Das habe ich 2009 auch getan. Es folgte aber auch prompt die Absage. 

Mit welcher Begründung?

Dass dieses Gebiet noch als hochsensibel eingestuft wurde, und die Amerikaner noch nicht wollten, dass dort Fotos gemacht werden. Damit musste ich mich abfinden.

Aufgegeben haben Sie aber nicht.

In ein besonderes Licht getaucht: der Hexenturm am Rande der Babenhäuser Altstadt.

Ich hatte es später noch einmal versucht. Mit dem gleichen Ergebnis. Es war dann ein glücklicher Zufall im Jahr 2013. An der Gersprenz habe ich meine neuen Kamerafilter ausprobiert und da kam plötzlich ein Herr auf dem Fahrrad und stieg ab. Ein Polizist. Es war Jürgen Förster, der für Babenhausen zuständige Polizeibeamte. Der hat mich gefragt, was ich da mache und ich habe ihm erklärt, dass ich mit meinen neuen Filtern Langzeitbelichtungen ausprobiere. Dann sind wir ins Gespräch gekommen, weil er sich für die Fotografie interessiert. Daraus hat sich eine enge Freundschaft gebildet und er hat mir später ermöglicht, in andere Locations zu gelangen, wo man normalerweise nicht reinkommt. Zum Beispiel eine alte, abgelegene Autowerkstatt bei Harreshausen. Er ist seitdem mein Locationfinder. Außerdem habe ich ihm mein Anliegen mit der Kaserne vorgetragen und er sagte, er schaut mal, was er machen kann.

Und?

Eine Woche später rief er an und sagte: Du kannst morgen rein. 

Was haben Sie da gedacht?

Mir haben einfach die Worte gefehlt. Das war ein Traum, und der soll morgen in Erfüllung gehen? Einen ganzen Tag lang durch die Kaserne streifen. Ich konnte es nicht glauben. Er wollte mir aber nicht verraten, wie er es geschafft hat.

Wie war es dann?

„Ich fotografiere ja querbeet“, sagt Reinhold Blaha im Interview – also auch Tiere und Menschen

Der erste Schritt in die Kaserne war für mich so ein Moment wie für Neil Armstrong der erste Schritt auf dem Mond. Es ist für einen Urban Explorer ein ganz fantastischer Moment, wenn man so ein Gelände betritt.

Wie viele Fotos haben Sie gemacht?

Zirka 800. Allerdings jeweils ausgewählte Motive und mit Stativ. Ich habe Mehrfachbelichtungen gemacht. Damit arbeite ich gerne. Insgesamt war es für mich schon eine Reizüberflutung.

Sie haben sich den Künstlernamen The Matrixer gegeben. Warum?

Ich habe mich früher viel mit 3D-Design auseinandergesetzt und dies in Computerspielen umgesetzt, sozusagen eigene Welten kreiert. Zu dieser Zeit kam auch der Kinofilm „Matrix“ heraus. Die Aussagekraft des Films hat mich stark inspiriert, nicht die Effekthascherei eher die Kernaussage: Die Realität, wie wir sie wahrnehmen, erkennt man nur, wenn man anfängt, die Welt genau zu beobachten, einfach mal hinter den Spiegel schauen, einfach mal innehalten und die Schönheit des Gesamten verinnerlichen.

Bilder: Tag der offenen Kaserne in Babenhausen

Was reizt Sie sie sonst in Babenhausen an anderen Motiven?

Ich fotografiere ja querbeet. Ich mache Porträts, Hochzeiten oder auch Landschaften. Ich suche mir schon Motive wie die evangelische Stadtkirche, einen der Türme oder das Schloss, um diese dann in einem besonderen Winkel zu fotografieren. Mich begeistert dann aber vor allem die Bearbeitung am Computer. Was wird daraus werden? Oft reizt mich ein Mauerblümchen mehr als der Marktplatz. Auch wenn Letzteres ein tolles Motiv ist. 

Geht es bei den von Ihnen angebotenen Fotowalks in der Kaserne mehr um die Motivsuche oder um Hilfestellungen?

Es geht mehr um die Motivsuche. Hilfestellungen kann ich geben, wenn die ein oder andere Frage kommt. Und ich gebe gerne auch Tipps. Der Walk richtet sich aber mehr an Fotografiebegeisterte. Wir laufen in der Gruppe und ich gebe auch Erklärungen zu den Gebäuden.

2014 ist mit dem Betreten der Kaserne ein Traum in Erfüllung gegangen. Gibt es einen neuen?

Mein Traum wäre, wenn sich auf dem Kasernengelände im historischen Teil eine Künstlergemeinschaft bilden und etablieren würde. Das wäre so das Hauptziel. Mein persönliches Ziel ist ein Fotostudio. Also kein klassisches, sondern eher eine kleine Eventagentur mit allem, was mit der Fotografie zusammenhängt: Artworks, Workshops über die Fotografie und ein Studio zum Ausprobieren.

Wer beim nächsten Fotowalk durch die Kaserne am kommenden Samstag, 13. Januar, ab 10 Uhr dabei sein will, muss sich sputen. Heute endet die Anmeldefrist im i-Punkt am Rathaus, Fahrstraße. Allerdings wird es in diesem Jahr noch weitere Termine geben, verspricht Fotokünstler Reinhold Blaha. Mehr Informationen unter www.thematrixer.com.

Quelle: op-online.de

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