Schuhmacher Robert Merx

Wenn der Blick auf die Füße fällt

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Robert Merx in seiner Werkstatt. Schon sein Vater, sein Opa und auch sein Urgroßvater waren Schuhmacher.

Babenhausen - Reparaturen und Orthopädie: Robert Merx  ist Schuhmacher  aus Passion. Von Michael Just 

Zeig mir deine Schuhe und ich sage dir, wer du bist – so hieß es über viele Jahrhunderte, als sich die gesellschaftliche Stellung nicht zuletzt am Schuhwerk ablesen ließ. Diese Zeiten sind vorbei, und trotzdem geben Schuhe noch immer vieles über ihren Träger preis. „Es ist ganz selbstverständlich, dass man als Schuhmacher bei seinem Gegenüber zuerst mal nach unten schaut“, sagt Robert Merx lachend. In Babenhausen gehört er zu den letzten Vertretern seines Standes.

Seit Jahrzehnten ist der Name Merx in der Stadt ganz eng mit Schuhen verbunden: Robert Merx ist für Reparaturen und Orthopädie Im Kirchgarten zuständig. Dafür trägt er einen Meistertitel. Sein Bruder Hans hat ein Schuhgeschäft in der Bummelgass. Eigentlich kommt die Familie aus Stockstadt, wo schon der Vater, der Opa und auch der Urgroßvater Schuhmacher waren. „Da wurde gar nicht lange gefragt, ob ich das auch werden will“, erzählt Robert Merx. Sein Vater fuhr ihn kurzerhand in die Lehre zu einem bekannten Schuhmachermeister in Goldbach – und bestimmte damit seinen Lebensweg vor.

1978 kam der heute 63-Jährige nach Babenhausen und übernahm den Betrieb von Heinrich Blümler, der in Rente ging. Das war zu jener Zeit einer der besten Werkstätten in der Region. „Als ich reinkam, standen da fast 1 000 Paar Schuhe. Ein Regal nach dem anderen, alles voll“, beschreibt er den bis heute überwältigenden Anblick. In Goldbach lernte Merx die Orthopädie-Schuhmacherei gleich mit. Ein Glücksfall, denn heute beschert sie ihm sein Auskommen. Nur vom Ausbessern könnte er schon lange nicht mehr leben. Bereits Anfang der 1990er gingen die Reparaturaufträge drastisch zurück. Vorbei die Zeiten, als die Schuhmacher mehrere Annahmestellen hatten und neue Sohlen en masse aufzogen. Heute kaufen die meisten Menschen lieber gleich komplett neu. „Dazu hält auf vielen Schuhen nicht mal mehr der beste Kleber“, weiß Merx.

Die Haupteinnahme ist heute die Orthopädie. Nach den Abdrücken in solchen Schalen fertigt Merx die passenden Einlagen an.

Derzeit machen Reparaturen nur zehn Prozent seines Geschäfts aus, 90 Prozent die Orthopädie. Damit sind Einlagen gegen Knick-, Senk- oder Spreizfüße, sowie sonstige Fußfehlstellungen, gemeint. Auch Schuherhöhungen bei verkürzten Beinen gehören dazu. Für die Einlagen, die per Rezept angewiesen werden, stellt Robert Merx die Füße seiner Kunden zuerst in Abdruckkästen. Mit Rohlingen macht er sich dann ans Werk. Maßschuhe fertigt er keine, weder für die Orthopädie noch für gut betuchte Zeitgenossen. Trotz guter Verdienste zeigt sich diese Arbeit als zu kompliziert und zeitaufwändig, wenn zuerst ein dreidimensionaler Fuß, der Leisten, modelliert werden muss. Bis zum Endprodukt dauert das mehrere Wochen.

Wenn Merx den Menschen heute auf die Füße schaut, stellt er vor allem eines fest: Die Qualität der Schuhe lässt immer mehr nach. Die Frage, was er selbst trägt, ist schnell beantwortet: Meist sind es Echtlederschuhe. Die müssen gar nicht so teuer sein: „Mit etwas Glück kriegt man die schon für 60, 70 Euro“, sagt er. Man müsse nur gucken. Noch überraschender ist seine Aussage, dass es nicht unbedingt durchgenähter Schuhe bedarf. Dafür seien die Kleber heute einfach zu gut. Nicht wenige Leute liefen die Sohlen durch und scheuerten dabei die Nähte auf, was das Lösen des Schafts von der Sohle nach sich ziehe.

Mit 63 Jahren denkt der Wahl-Babenhäuser noch nicht an den Ruhestand, auch deshalb, weil der eigene Nachwuchs anderen Berufen nachgeht. Merx fühlt sich sichtlich wohl in seiner Werkstatt, die noch echten Handwerkscharakter durch die traditionellen Gerätschaften versprüht. Für die gibt es heute moderne Nachfolger, genauso wie für die Abdruckschalen, die mehr und mehr durch elektronisches Vermessen ersetzt werden. Diese kostspieligen Investitionen will er aber seinem Nachfolger überlassen. Apropos Nachfolger: Den dürfte es mit Sicherheit geben, denn während der klassische Schuhmacher ausstirbt, hat die Orthopädie Zukunft. Dazu besitzt Merx einen festen, und damit begehrten, Kundenstamm.

Noch ist es aber nicht so weit: Für wenige Jahre lässt sich Im Kirchgarten noch ein Schuhmachermeister der alten Schule antreffen, der sich mit Leib und Seele um alle Problemchen am Laufwerk kümmert und der, wie es bei seinem Berufsstand seit Jahrhunderten üblich ist, zuerst gerne einen Blick auf das Fußkleid wirft, mit dem seine Mitmenschen durchs Leben schreiten.

Quelle: op-online.de

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