Schwalben eine Heimat bieten

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Hat es in unserer Kulturlandschaft schwer: die Mehlschwalbe mit dem typisch weißen Bauch.

Babenhausen - Am Haus der Familie Beyerle herrscht reger Betrieb. Mal flattert eine Mehlschwalbe zu ihrem Nest, mal sind es drei oder vier, die ihre Herbergen unter dem Dachvorstand in der Ziegelhüttenstraße aufsuchen. Von Stefan Scharkopf 

Die Vögel verweilen nur kurz und machen sich gleich wieder auf den Weg, um Nahrung für ihre Brut zu organisieren. Es ist ein Kommen und Gehen. Markenzeichen der gefiederten Tiere ist der leuchtend weiße Bürzel, der sich von der ansonsten dunklen Oberseite abhebt. Auch am Bauch sind sie mit Ausnahme der Schwanzfedern rein weiß gezeichnet. Schwalben, insbesondere Mehlschwalben haben es nicht leicht in unserer Kulturlandschaft. Sie gehören zu den besonders geschützten Vogelarten in Deutschland. Ihr Lebensraum wird bedroht durch die zunehmende Flächenversiegelung und nicht zuletzt durch die moderne Bauweise der Häuser. Hier und da werden ihre Nester auch mutwillig zerstört.

Als ausgeprägte Kulturfolger sind die Mehlschwalben mittlerweile auf die Hilfe des Menschen angewiesen, sollen sie weiterhin als Glücksbringer an den Häusern brüten. Die Möglichkeiten für die Schwalben, ihre Nester an den glatten Hauswänden, ohne Dachüberstand zu bauen sind sehr eingeschränkt, außerdem gibt es immer weniger Baumaterial, etwa aus Lehmpfützen.

Silvia Beyerle hat unter den Dachüberständen Nisthilfen angebracht, wie im Hintergrund zu sehen ist.

Silvia Beyerle will dazu anregen, den Vögeln zu helfen, in dem Hausbesitzer Refugien für sie schaffen. 14 Nisthilfen, alle aus dem Baumarkt, hat die 51-Jährige rund um das Haus ihrer Familie angebracht. Nicht alle sind besetzt, aber die allermeisten schon. „Morgens und abends ist allerhand los“, sagt die Babenhäuserin. Unterhalb der künstlichen Nester sind Kotbretter angebracht, so dass die Tiere nicht die Markise oder die Terrasse verunreinigen. „Klar machen die Tiere auch Dreck“, meint Beyerle, „aber dem kann man mit den Brettern ja begegnen.“ Dass die Vögel auch Mist machen, ist für die Babenhäuserin jedenfalls kein Grund, sie nicht zu beherbergen. Unterstützt bei ihren Vorhaben wird sie von Frank Kimmel. Der 49-Jährige ist in der Nachbarschaft aufgewachsen. Zwar wohnt er in Jügesheim, doch steht ihm der Gartenbereich, der an das Haus der Beyerles grenzt, zur Verfügung. Dort hat er ein kleines Idyll geschaffen mit viel Grün, Hühnern und einem Pferd. Auch ein Schwalbenhaus hat er aufgestellt. Allerdings ist es nicht bewohnt. „Ich weiß nicht, warum da kein Vogel einzieht“, sagt er, „ich gebe aber die Hoffnung nicht auf.“

Für den Landkreis Darmstadt-Dieburg hat auch Dirk Diehl einen Rückgang festgestellt. Der Diplom-Biologe und wissenschaftliche Leiter des Naturkunde-Instituts in Langstadt macht ein ganzes Bündel für den Rückgang verantwortlich. Er spricht von einer „abgewaschenen Landschaft“, in der es die Vögel schwer haben mit dem Material zum Nestbau. Zu viele Wege sind geteert, es gibt weniger Lehmpfützen. „Viele Menschen sind auch wenig begeistert von den Tieren“, sagt Diehl. Hinzu komme, dass immer mehr Leute ihr Haus dämmen und damit die Dachüberstände verkürzen. Der Einsatz von Pestiziden in den Überwinterungsgebieten der Vögel tue ein Übriges. Hinzu komme freilich auch der eine oder andere Sommer, der nicht genügend Beutetiere biete. „Die Brut muss in der Lage sein, sich Nahrung zu beschaffen“, so Diehl. In der Region, die der Langstädter betreut, geht er davon aus, dass die Schwalbenpopulation in den vergangenen 50 Jahren um etwa die Hälfte zurückgegangen ist.

Von einem kontinuierlichen, aber in den letzten Jahren nicht dramatischen Rückgang spricht Dr. Wolfgang Heimer, Regionalkoordinator für Vogelbeobachtung des HGON. Bei der Rauchschwalbe habe es von 1980 bis 2005 eine starke Abnahme gegeben, von 2005 bis 2010 sei der Bestand in etwa gleichgeblieben. Bei der Mehlschwalbe spricht er von einem langfristig deutlichen, aber keinem starken Abfallen der Zahlen. Die Zahl der Brutpaare dürfte bei 40- bis 60 000 hessenweit liegen. Ist es aus Sicht der Vogelschützer sinnvoll, künstliche Nester unterm Dach anzubringen? „Auf jeden Fall. Das hilft den Tieren“, sagt Heimer. Überhaupt sei es so, dass die Mehlschwalbe auf die Toleranz des Menschen angewiesen ist – so wie eben bei Silvia Beyerle.

Quelle: op-online.de

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