Seit 150 Jahren ein Familienbetrieb

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In diesem Jahr feiert die Gaststätte 150. Geburtstag.

Langstadt - Warum heißt die Langstädter Gaststätte „Zur Bretzel“ eigentlich so? „Mein Ururgroßvater Peter Johann Seltzer III. war von Beruf Bäcker. Als er 1859 die Schankerlaubnis erhielt, wählte er diesen Namen“, erzählt der heutige Besitzer Helmut Metzler. Von Michael Just

Wie lange diese Schankerlaubnis mittlerweile zurückliegt wird daran deutlich, dass man damals „Bretzel“ noch mit „t“ schrieb. Wer genau nachrechnet, wird feststellen, dass man dieses Jahr in der Bürgermeisterstraße einen großen Geburtstag feiern kann - den 150.

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Mittlerweile befindet sich der Familienbetrieb in der fünften Generation und ist untrennbar mit dem Babenhäuser Stadtteil verbunden. Nach dem erwähnten Johann Seltzer III. übernahm dessen Sohn Ludwig Seltzer die Verantwortung. Dessen Tochter Marie Luise schwang sich danach zur „Bretzel“-Wirtin auf: Als sogenannte „Bäckermarie“ kümmerte sie sich zusammen mit ihrem Mann Christian Metzler um den morgendlichen Rentnerstammtisch und die Gäste des Spätschoppens. Einen „Bei-Namen“ mit „Bäckerheiner“ hatte auch Heinrich Metzler, der 1958 die Gaststätte von seinen Eltern übernahm. Er und seine Frau Hedwig machten die „Bretzel“ über die Grenzen Langstadts hinaus bekannt, denn fortan kamen die Gäste nicht nur zum Stammtisch, sondern auch um ihren Hunger zu stillen. „Viele Jahrzehnte war es unüblich, dass hier gegessen wurde“, erinnert sich Helmut Metzler an seine Kindheit, als die Heag-Mitarbeiter in den frühen 60er Jahren noch ihr Brot mitbrachten. Nur bei der Kerb und den winterlichen Bällen ging der „Bretzel“-Besuch auch durch den Magen.

Essen wie bei Muttern: Hausmannskost und saisonale Küche – hier „Matjes auf Apfeltatar“ – gehören zur Speisekarte. Unser Bild zeigt (von links) Hedwig, Irmgard und Helmut Metzler.

Erst als der Wohlstand in Deutschland stetig wuchs, schwenkten Besitzer und Gäste um: Fortan wurde an den Tischen auch gespeist. Bis heute macht die Speisekarte eines der großen Erfolgsgeheimnisse aus. Immer noch ist darauf jene Hausmannskost zu finden, die heute Seltenheitswert genießt und deshalb Gäste aus der gesamten Umgebung anzieht. Je nach Bedarf schlachtet der gelernte Metzger noch selbst. Schlachtfeste zur Winter- und Gänse zur Weihnachtszeit gehören ebenso zum Angebot wie Wild aus hiesiger Jagd. In den Bohneneintopf wandert das Gemüse aus dem eigenen Garten und bis vor wenigen Jahren hatte man sogar noch Hühner.

Als Helmut Metzler 1984 mit seiner Frau Irmgard die Gaststätte übernahm, schloss sich eine weitere, nun 25 Jahre andauernde, Erfolgsgeschichte an: Bereits 1981 baute man die Scheune in fünf Gästezimmer um. 1987 wurde das Nachbargrundstück gekauft und 1991 das Hotel um zwölf weitere Gästezimmer erweitert.

Seine Kindheit verbindet der aktuelle „Bretzel“-Wirt mit „viel Arbeit und helfen müssen“. Das hat sich bis heute nicht geändert: Montags kommt der Gesangverein Liederkranz zur Singstunde, dienstags die Tischtennisspieler vom TSV. Da kann es spät werden. Wenn im Hotel die Monteure in den frühen Morgenstunden abreisen, ist Irmgard Metzler um 6 Uhr schon wieder auf den Beinen, um ihnen das Frühstück zu bereiten. Mittags und abends steht sie erneut in der Küche.

Das ist keine Selbstverständlichkeit: „Kochen wollte sie eigentlich nie“, verrät ihr Gatte und schickt hinterher, dass sie zuvor schon einen weiteren Grundsatz verwarf: „Sie wollte auch nie einen Metzger heiraten.“ Aufgrund der vielen Arbeit ist es verständlich, dass sich die Wirtsleute auf ihren 14-tägigen Neujahrsurlaub und den dreiwöchigen Sommerurlaub freuen.

Und was macht in der Gastronomie am meisten Spaß? „Angenehme Gäste“, sagt der 59-Jährige. Über die Jahre hat er zu diesem Thema reichlich Geschichten gesammelt. Im langen Erfahrungsbericht befinden sich auch solche Zeitgenossen, die beim Reinkommen schon lauthals „Ich krieg` zwo Bier“ rufen, sich danach selbst die Speisekarte vom Stapel wegnehmen und zu guter Letzt irgendwo nach Belieben Platz nehmen. „Eigentlich wäre es üblich, dass man nach dem Reinkommen kurz wartet, um zum Platz geführt zu werden“, verweist der Langstädter auf ein klein wenig Etikette.

Auffallend ist in den beiden Gasträumen die ältere Frau im weißen, stets adretten Kittel. Es ist Hedwig Metzler. Mit 87 Jahren hilft sie immer noch aus, wenn sie gebraucht wird. In einem Bauernhaus in Kleestadt groß geworden, hat sie kurz nach dem Krieg nicht nur „ihren Heinrich“, sondern auch dessen Gastronomiebetrieb geheiratet. „Die Arbeit hat sie jung gehalten“, sagt der „Bretzel“-Wirt über seine Mutter. Derzeit kann sich die rüstige Seniorin mit Liam und Mayla über zwei Urenkel freuen.

Da liegt die Vermutung nahe, dass die Zukunft der Traditionsgaststätte gesichert ist. „Nicht ganz“, weiß der Hausherr: „Der Sohnemann ist Diplom-Bauingenieur, die Tochter Grundschullehrerin. Ob das was wird, muss man abwarten.“ Dennoch sieht Metzler einen kleinen, hoffnungsvollen Lichtstreif am Horizont: „Wenn die Kinder da sind, dann helfen sie auch.“

Quelle: op-online.de

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