Lebensqualität in Seniorenresidenz

Senioren durch den Alltag begleiten

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„Es geht auch darum, Spaß zu haben“, sagt Johannes Billing. Dazu gehört auch mal der Griff zur Gitarre.

Babenhausen - Johannes Billing ist Betreuer für demenziell Erkrankte und will an ihrer Lebensfreude mitwirken. Von Petra Grimm 

„Wo geht es denn zum Ausgang? Meine Eltern wollen mich doch abholen“, fragt Frau Schneider (Name geändert). Sie wohnt in der K&S Seniorenresidenz in Babenhausen und hat schon lange keine Eltern mehr, die sie irgendwo abholen könnten. Aber das hat sie vergessen. Wie viele Menschen, die an Demenz erkrankt sind, lebt sie die meiste Zeit in der Vergangenheit. Johannes Billing, der seit sechs Wochen als Alltagsbegleiter eine Seniorengruppe mit demenzbedingten Fähigkeitsstörungen betreut, geht auf die ältere Dame ein und erklärt ihr, dass „unten am Empfang alle Bescheid wissen und auf jeden Fall anrufen, wenn ihre Eltern kommen“. Frau Schneider ist beruhigt und zufrieden mit der Antwort des Hergershäusers. Es gehört zu seinen Aufgaben, sich in die Welt der verwirrten Menschen einzufinden, die er durch ihren Alltag begleitet. Er holt sie da ab, wo sie sich gerade befinden, oft in der Kindheit. Zwei Betreuungskräfte nach Paragraf 87 b des Sozialgesetzbuches sind derzeit in der Seniorenresidenz angestellt. Die Existenz dieser Begleiter für demenziell erkrankte Bewohner ist der Tatsache geschuldet, dass die Pfleger in deutschen Altenheimen die ihnen anvertrauten Senioren in der Regel nicht auch noch beschäftigen können. Dafür fehlt einfach die Zeit. Die bringen Johannes Billing und seine Kollegin mit. Sie übernehmen keine pflegerischen Aufgaben, sondern sorgen für die Unterhaltung der Menschen und hören ihnen zu, wenn sie reden wollen.

„Es geht darum, den Leuten das Leben jetzt in diesem Moment lebenswert zu machen und gemeinsam Spaß zu haben und zu lachen. Das Glas ist immer halb voll und nicht halb leer“, sagt Johannes Billing, der sich jeden Tag vier Stunden um seine elf Senioren kümmert und ihre Lebensqualität verbessert. Gesellschaftsspiele, Malen, Spazierengehen, gemeinsames Kochen oder auch Gymnastik stehen auf dem Programm. Dabei arbeitet er oft im Team mit den Ergotherapeutinnen Silvia Schell und Patrycja Ziegler. „Wir besuchen auch Feste, beispielsweise waren wir auf dem Spargelfest und beim Reitturnier“, sagt er. Dass Billing als passionierter Musiker und Frontmann der bekannten Band Backroots in der Seniorenresidenz einen Chor gegründet hat, verwundert eigentlich nicht. „Acht bis zehn Sängerinnen und Sänger kommen inzwischen regelmäßig und haben Freude am gemeinsamen Singen“, erzählt der 55-Jährige, der sich über ein Eignungspraktikum vor Weihnachten und eine mehrwöchige Ausbildung im Frühjahr, die er beim DRK in Darmstadt absolviert hat, für diese Arbeit qualifiziert hat.

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Ohne eine ordentliche Portion Menschenliebe kann man diese Tätigkeit sicher nicht ausüben. Denn an Demenz zu erkranken - ein Schicksal, das in Zukunft noch mehr Menschen treffen wird - bedeutet nicht nur vergesslich und verwirrt zu sein. Auch die sozialen Fähigkeiten sind oft beeinträchtigt. Mit Ablehnung oder auch Aggressivität müssen die Alltagsbegleiter umgehen können. Außerdem mit der Tatsache, dass die ihnen anvertrauten Menschen auf ihrem letzten Stück Lebensweg unterwegs sind. „Die meisten wissen auch, dass das ihre letzte Station ist“, sagt Billing, für den dieser eher bedrückende Aspekt seiner Arbeit kein Problem ist. Sein buddhistischer Glaube helfe ihm, die nötige Liebe, Wertschätzung und Mitgefühl aufzubringen, erzählt er. Auch mit dem Thema Alter und Sterben setzt er sich selbst ohne Angst auseinander. „Was für mich oft aber richtig schwer zu verdauen ist, sind die Geschichten, die sie erzählen. Das, was sie erlebt haben. Diese Generation hat im Laufe ihres Lebens, zu dem ja auch der Krieg gehört, viel mitgemacht.“

Quelle: op-online.de

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