„Sollen wir zukünftig Sand essen?“

Gerhard Lendemans, Geschäftsführer der Schumann & Hardt GmbH (v. l. im Bild mit Dr. Karl-Heinz Köppen und Dr. Ulrich Wendt) musste sich beim Infoabend viel Kritik anhören. Foto: Just

Babenhausen - „Sollen wir zukünftig Sand essen?“, fragt Wolfgang Geißler, seines Zeichens Landwirt in Babenhausen, Richtung Podium. Sein Ärger richtet sich gegen die Pläne der Firma Schumann & Hardt (S&H), die derzeit die Erweiterung ihrer Sand- und Kiesabbaufläche plant. Von Michael Just

Dafür sollen in den nächsten Jahren rund 26 Hektar Ackerland südlich der Dudenhöfer Landstraße (in der Nähe des Akazienhofs) für die Sand- und Kiesgewinnung verschwinden. Nach dem Abbau, der etwa 30 Jahre dauert, würde ein weiterer Baggersee vor den Toren der Stadt übrig bleiben - und zwar einer der größten, die jemals geschaffen wurde.

Mit einer Informationsveranstaltung für Bürger und Betroffene stellte die Stadt im Rathaus die zukünftigen Perspektiven und Rahmenbedingungen für die Erweiterung der Abbaufläche vor. Auskunft gaben unter anderem S&H-Geschäftsführer Gerhard Lendemans sowie Dr. Karl-Heinz Köppen und Dr. Ulrich Wendt, die für das Unternehmen die notwendigen Untersuchungen vornehmen und Anträge stellen. Daneben stand Reinhard Nies von der Bergbauabteilung des Regierungspräsidiums Rede und Antwort.

Die Chancen, dass - wenn alles glatt läuft - in etwa fünf Jahren gebaggert werden kann, stehen nicht schlecht: So liegt bereits eine Grundsatzentscheidung des Babenhäuser Parlaments aus dem Jahr 1995 vor, in der es heißt, dass nichts gegen eine Erweiterung spreche. Noch entscheidender ist die Verankerung der Fläche im Raumordnungsplan, der das Gebiet aufgrund seiner besonderen geologischen Struktur für eine solche Nutzung vorsieht. Zudem können sich die Sand- und Kiesförderer auf die Unterstützung der Stadt berufen. Zwar sucht der Magistrat den Ausgleich zwischen den verschiedenen Interessen, gab aber grundsätzlich schon grünes Licht. „Ich sehe den Verlust der landwirtschaftlichen Fläche nicht so dramatisch. Wir haben noch viele solcher Flächen, dazu lassen sich Brachflächen reaktivieren“, sagte Bürgermeisterin Gabi Coutandin.

Die endgültige Entscheidung über die weitere Entwicklung ist trotz der Vorzeichen „pro Kiesgewinnung“ jedoch noch nicht gefallen. Denn noch läuft das Planfeststellungsverfahren, das Einsprüche und Vorschläge von jeglicher Seite her zulässt. Zudem steht noch eine weitere Abstimmung im Stadtparlament aus.

Wie bei der Veranstaltung deutlich wurde, prallen nicht nur Interessen, sondern Existenzfragen aufeinander: S&H hat ohne die Erschließung neuer Gebiete bald nichts mehr zu fördern (Lendemans: „Zumachen oder Ausbau“). Die lokalen Landwirte können auf immer weniger Pachtflächen zurückgreifen und sehen sich einer stetig wachsenden Konkurrenz in der Nahrungsmittelproduktion ausgesetzt. „Der Kiesabbau Akazienhof, das Gewerbegebiet Altdörfer Kirche, die Baugebiete Lachewiese und Iro-Plastik oder die West- und Südumgehung - damit fallen 30 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche in Babenhausen weg“, rechnete Ortslandwirt Ralf Geißler vor.

Die Experten von S&H hielten dagegen, dass es einen generellen Strukturwandel in der Landwirtschaft gebe, die nur noch zwei bis drei Prozent des Bruttosozialprodukts ausmache. Immer mehr Betriebe würden schließen und freie Flächen hinterlassen. Dazu sieht sich S&H als unverzichtbarer Rohstofflieferant für die Umgebung, dem in Babenhausen zukünftig kaum weitere Chancen zur Ausdehnung blieben. So komme südlich der Dudenhöfer Straße nur exakt das diskutierte Areal in Frage, da sich in direkter Umgebung unantastbarer Wald sowie Natur- und wasserwirtschaftlich geschützte Flächen befinden. Zudem argumentierte das S&H-Lager, dass das Gebiet nach Ende des Abbaus mit Gehölzanpflanzungen oder Flachwasserzonen renaturiert werden könne.

Die Gegner des Projekts interessierte das wenig. Vereinzelt wurde sogar mit einem zweiten „Stuttgart 21“ gedroht. „Egal wo man in die Stadt reinfährt, ist Wasser - wächst die Stadt nur noch durch ihre Wasserflächen?“, fragte ein Bürger. Die Kritik, wie man Pferdestadt sein könne, wenn man Agrarflächen vernichte, schloss sich an. Coutandin vermittelte: „Wir wollen beides: Einmal Pferdestadt sein aber auch unsere Unternehmen fördern.“ Dazu müsse man die Interessen abwägen und in Einklang bringen.

Einvernehmen zwischen beiden Lagern ist schon deshalb wünschenswert, weil S&H die gepachteten Grundstücke der Landwirte erwerben will. Dass die Firma die Eigentümer für einen Verkauf schon gewonnen hat, bestätigte Lendemans zwar nicht, die Sache gilt jedoch bei den fortgeschrittenen Planungen als sicher. Trotzdem verwunderte die von Lendemans genannte Zahl, dass sich erst sechs der 26 Hektar im Besitz von S&H befinden. Wie Reinhard Nies vom RP sagte, ließe sich eine Minderheit von Grundbesitzern, die sich gegen den Verkauf wehren, im Ausnahmefall sogar enteignen: „In diesem Fall sieht das Bundesberggesetz die Bereitstellung von Rohstoffen im öffentlichen Interesse als vorrangig.“

Wie Bürgermeisterin Gabi Coutandin wiederholte, strebe sie einen Ausgleich an. Den fordern auch die Landwirte vehement. Wie der aussehen kann, ist allerdings ungewiss. Denn betrachtet man das betroffene Areal, gibt es eigentlich keinen Mittelweg - sondern nur die Wahl zwischen Acker und Wasser.

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