Eine „verschlafene Perle“ im Fokus

Sommertour der Hessenschau lockt Hunderte ins Freibad

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Hessenschau-Moderator Andreas Hieke (oben) im Publikum und vor der als Kulisse dienenden „Jenny“. Die Aqua-Jogger des Turnvereins gehörten zum Vorprogramm, ebenso das professionelle Schminken einer Besucherin.

Babenhausen -  Was sonst den Schwimmmeister auf den Plan ruft, sorgt am Montagabend um kurz vor 20 Uhr für Jubel: In voller Montur beendet HR-Moderator Andreas Hieke mit einem Kopfsprung vom Dreimeter-Brett das Freibad-Gastspiel der Hessenschau-Sommertour. Von Michael Just 

In den Stunden zuvor boten die Fernsehmacher ein kurzweiliges Warm-up für ihr Publikum, unterstützt von Vereinen. Noch vier Minuten verbleiben bis halb acht und damit den Beginn der Hessenschau. Maskenbildnerin Irina Roglin fährt mit einem Pinsel erneut über die Wangen von Andreas Hieke, um mögliche Schweißperlchen zu entfernen. Das Publikum auf den Festzeltgarnituren ist bereits mit aufblasbaren „Klatschstangen“ ausgestattet und über die Verhaltensregeln („Jetzt bitte nicht mehr aufstehen“) gebrieft. „Alle geben Vollgas! Zeigen Sie uns ihr schönstes Lächeln!“, fordert Co-Moderator Jens Kölker auf. Sein Wunsch wird begeistert umgesetzt: Die Melodie der Hessenschau ist noch nicht verklungen, da überträgt die Musik der Babenhäuser Band Backroots II, gepaart mit der überschäumenden Freude der Besucher, beste Sommer- und Feierabend-Stimmung auf die Fernsehschirme im Hessenland.

Das Freibad in Babenhausen bildet den Auftakt für die Sommertour der Hessenschau. Eine Woche lang wird die Sendung nicht im Studio, sondern in heimeligen Städtchen und Dörfern im gesamten Bundesland produziert. Neben den Nachrichten des Tages stehen die Menschen vor Ort im Mittelpunkt.

Um die Mittagszeit rücken die TV-Macher mit 35 Personen beim Küstenmotorschiff an und bestücken das Umfeld mit allem, was es für eine Live-Übertragung benötigt. Die „Jenny“, das Babenhäuser Alleinstellungsmerkmal, soll im Fernsehen besonders gut zur Geltung kommen. Obwohl die Hessenschau erst um 19.30 Uhr beginnt, ist um 16 Uhr alles aufgebaut. Damit können bereits zwei Live-Schaltungen in „Hallo Hessen“ und „Hessenschau kompakt“ die Werbetrommel für den Abend rühren. Zudem beginnt das Unterhaltungs- und Aufwärmprogramm, das der Förderverein des Freibads als Partner des HR organisiert hat. Unter anderem präsentieren sich die Handballer, die Line-Dancer, die Feuerwehr und der Basketball-Nachwuchs. Im Wasser strampelnd, passt der Auftritt der Aqua-Jogger des Turnvereins besonders gut. „Unser Sport ist gelenkschonend und die ideale Herz-Kreislaufübung“, erklärt Übungsleiterin Heidi Keller. Die Kameramänner fangen die Aufführungen ein und übertragen sie auf eine Großbildleinwand.

Bei freiem Eintritt strömen Hunderte Babenhäuser ins Freibad, um sich die Produktion des Regionalmagazins samt der Show drumherum nicht entgehen zu lassen. Der Hergershäuser Jochen Soder berichtet, dass er bereits auf Tuchfühlung mit Susanne Fröhlich, einer ebenfalls bekannten HR-Moderatorin, war. Einst wurde der 47-jährige Kaufmann von Freunden in die Sendung „Allein oder Fröhlich“ gelockt und dann unwissend von der Journalistin für diverse Spiele herausgepickt.

Die 25 Badeseen und Freibäder in der Region

Tuchfühlung und Kontakt zu den Menschen im Hessenland ist auch bei der Sommertour das Ziel. So will der HR, ergänzend zur Sendung, vor allem Wissenswertes über seine Arbeit erzählen. Fragen sind erlaubt und gewünscht. Während Andreas Hieke Texte und Einstellungen mit den Kollegen probt, erläutert Jens Kölker immer wieder Abläufe. Unter anderem erfahren die Besucher, dass Bild und Ton getrennte Wege nach Frankfurt nehmen. So laufen die Bilder über Satellit, der Ton über die Telefonleitung: „Der Weg ins All dauert länger. Diese Zeitversetzung muss technisch wieder ausgeglichen werden.“

Einen Einblick über den Tagesablauf des Hessenschau-Teams gibt ein Einspieler auf der Leinwand. Er zeigt, dass nach der Redaktionskonferenz um 9.45 Uhr ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Bis zu acht Teams schwirren täglich für Beiträge aus. Im Durchschnitt entstehen aus einer Stunde Arbeit gerade einmal eine Minute Film. Um 15 Uhr sollten die Teams zurück sein. Dann beginnt das Schneiden, das Texteschreiben und die Vertonung.

Badegäste entern begeistert Jenny

In Babenhausen geht Andreas Hieke pünktlich auf Sendung. Zu Beginn kommen zwei Beiträge über den geplanten Stellenplatzabbau bei Merck und den Prozess vor dem Landgericht in Darmstadt, wo es ausgerechnet um eine Messerstecherei in Babenhausen geht. Mit dem Gang in die Führer-Kajüte von Jenny widmet sich der Moderator wieder den schönen Seiten der Stadt. Um das Steuer sieht vieles noch so aus, als hätte der Kapitän gestern noch navigiert. In den Schubladen kramt Hieke sogar noch alte Seemannskarten von der holländischen Küste hervor. „Die Jenny war eine gute Anschaffung. So ein Boot wäre für den Schiffsfriedhof doch viel zu schade“, lobt er die Idee des damaligen Schwimmbad-Architekten, den Kutter nach Babenhausen zu holen. Dass dessen Anreise als Schwertransport nicht ganz einfach war, vergisst der HR-Mann nicht. Wie auch – die Hessenschau hatte damals einen ausführlichen Beitrag gemacht.

Nach den Nachrichten geht es im zweiten Teil der Sendung nur noch um Babenhausen. Bernd Kniese vom Förderverein erläutert, wie die bald 300 Mitglieder das Freibad vor der Schließung retteten. Und Dalila Kahl hebt heraus, dass das Schwimmbad eine große soziale Bedeutung als Treffpunkt und sogar als,,Ferienort“ für all jene erfüllt, die sich keinen Urlaub leisten können. Beim Stadtporträt kommt Schornsteinfeger Burkhard Schimpf besonders sympathisch zur Geltung: Gegenüber dem Hexenturm lehnt er aus einem Fenster seines alten Fachwerkhauses und erläutert der Reporterin, warum es sich lohnt, in Babenhausen zu leben. Ein anderer Bewohner adelt die Stadt kurz darauf als „verschlafene Perle“.

Schiffskutter „Jenny“ kommt in Babenhausen an

Wie sich im Verlauf der Sendung schnell herausstellt, ist die Hessenschau mit ihrem 30 Minuten viel zu kurz. Für die meisten Besucher hätte die Live-Übertragung und ihre Heimatstadt im wohlwollenden TV-Fokus noch viel länger gehen können. Ganz sicher wird die Visite der Hessenschau, die gestern in Runkel war und heute in Gedern Station macht, vielen als spannende Erfahrung in Erinnerung bleiben.

Etwas befremdlich erschien nur der Einwurf von Co-Moderator Kölker, der beim Blick auf die Jenny unbedingt den Titel „An der Nordseeküste“ anstimmen wollte. Zwar wurde gesungen, trotzdem stockte vielen im Publikum etwas die Stimme: Zum einen passte das Lied nicht ganz in die hiesigen Breiten, zum anderen ist die Schönheit seit ihrer Ankunft 2010 längst Babenhäuserin und damit auch Hessin geworden.

Besichtigung der Schwimmbad-Baustelle

Quelle: op-online.de

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