Spannender als jedes Geschichtsbuch

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Freya Klier, regimekritische Bürgerin der ehemaligen DDR, erzählte den Schülern der Joachim- Schumann-Schule von ihrem ungewöhnlichen, oft dramatischen Leben.

Babenhausen ‐ Ein Jahr Gefängnis für eine Ohrfeige. Arrest, weil man Beatles und Rolling Stones hört. Mord wegen regimekritischer Äußerungen. Für die neunten Klassen der Joachim Schuhmann Schule klangen diese Schilderungen wie ein Albtraum. Von Ursula Friedrich

Freya Klier, aufgewachsen in der ehemaligen DDR, erzählte im Unterrichtsprojekt mit zwei „Neunern“ der Joachim Schumann Schule von Unterdrückung, militärischem Drill, Polizeiwillkür und Überwachungsstaat. Ein Horrorszenario der jüngeren Vergangenheit, das den Schülern zwar fremd war, durch die autobiografische Schilderung der Zeitzeugin jedoch zu einem lebendigen Stück Geschichte wurde.

Freya Kliers Vita ist ein Abenteuer, das auch Hollywood nicht dramatischer hätte inszenieren können. „Meine Mutter wurde einfach von einem Mann aus der Straßenbahn geworfen“, erzählte Klier. Als der Vater dem Rüpel einen Schubser gab, landete er für ein Jahr im Arbeitslager. Denn: Der Aggressor war Volkspolizist.

Mehrere Mordanschläge überlebte die Staatsfeindin

Freya und der Bruder, beide Kleinkinder, verbrachten diese Zeit im Heim. „Wir mussten zwei bis dreimal in der Woche mit dem Gesicht zur Wand sitzen und über unsere bösen, weil staatsfeindlichen Taten nachdenken“, erzählt die Bürgerrechtlerin. Viele Verhaltensmuster des Nationalsozialismus hätten in der DDR Fortbestand gehabt, analysierte sie: „Zum Beispiel der Wehrmachtstopfhaarschnitt. Der Hausmeister hat dich zwischen die Knie geklemmt, dann wurde die Haare abgeschnitten.“

Diese Zeit prägte sie. Freya Klier, 1950 in Dresden geboren, versuchte 1968 aus der DDR zu fliehen – ein Verrat vereitelte die Flucht und sie kam ebenfalls für ein Jahr ins Gefängnis. Ihre Karriere als Schauspielerin, Film- und Theaterregisseurin wurde von der regimekritischen Überzeugung derart geprägt, dass die unbequeme DDR-Bürgerin 1988 gezwungen wurde, ihr Land zu verlassen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die „Staatsfeindin“ mehrere Mordanschläge überlebt.

Parallelen zu Tunesien vorhanden

„Von 17 Millionen DDR-Bürgern hauten 2,5 Millionen ab“, erzählte sie ihren jungen Zuhörern in der Schule, „dann wurden wir eingemauert.“ Ein Film Freya Kliers zum Mauerbau und dem teilweise geglückten Versuch einer Schulklasse, in den Westen zu fliehen, schuf Identifikationsmomente. Die DDR-Oberschüler, kaum älter als die Teilnehmer des hiesigen Unterrichtsprojektes, setzten ihr Leben aufs Spiel, um aus dem Osten zu entkommen. Ein Schicksal, das alle gebannt verfolgten.

Auf diese Weise zu lernen sei eine spannende Alternative zu den Geschichtsbüchern, so Pädagoge Jan Willand, der die 1. und 3. Klasse des neunten Jahrgangs in Politik und Geschichte unterrichtet. Den Kontakt zu Freya Klier, die heute in Berlin lebt, konnte er vor einem Jahr bei einem Besuch der Hauptstadt herstellen. Trotz aller Versuche des SED-Regimes, sie (endgültig) zum Schweigen zu bringen, bleibt Freya Klier in der Offensive. Sie ist als freischaffende Autorin und Filmemacherin tätig, politisch und bildungspolitisch aktiv. „Ich hoffe, dass die Schüler jetzt auch verstehen, was gerade in Tunesien passiert“, schlug sie die Brücke ins heutige Nordafrika. Die lebhaften Eindrücke über das Leben in der DDR werden die Schüler nächste Woche noch einmal vertiefen. Ein viertägiger Besuch in Berlin steht dann an. Jan Willand: „Wir haben ein straffes Programm. Shoppen ist nicht.“

Quelle: op-online.de

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