Auf der Spur der Nachtaktiven

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Nächtens Insekten zu beobachten, ist keine einfache Sache. Da hilft ein Lupenglas, das Dirk Diehl kurz anleuchtet.

Babenhausen - Gibt es Biologen, die tatsächlich abends auf dunklen Waldwegen mit Fahrrad, Tacho und flottem Pedaltritt versuchen, dem Fledermausflug zu folgen, um auf diese Weise die Fluggeschwindigkeit der flinken Säuger festzustellen? Ja, die gibt es. Von Michael Just

Einer heißt Dirk Alexander Diehl, wohnt in Langstadt und ist Nabu-Vorsitzender. „In meiner Studienzeit hab ich das damals gemacht“, berichtet er. Beim Hinterhersausen stellte er eine Geschwindigkeit von 35 bis 38 Kilometern pro Stunde bei der Breitflügelfledermaus fest. „Hier ist das Mitradeln noch möglich. Bei der Fledermausart der Abendsegler wird das bei 50 Kilometer pro Stunde schon schwieriger“, stellt er lachend fest.

Bei der „Glühwürmchenwanderung“ des Nabu-Langstadt gab es zum Wochenende wieder allerlei Wissenswertes und auch Unterhaltendes wie die ungewöhnliche Fledermausverfolgung per Drahtesel. Auf die Spur der nachtaktiven Tiere begab sich die stattliche Anzahl von 30 Interessierten. Seit Jahren bieten die Langstädter Naturliebhaber Fledermausbeobachtungen an. In diesem Jahr überschrieb man den Abend aber mit „Glühwürmchenwanderung“. „Wir wollten das Angebot nicht nur auf die Fledermäuse münzen, sondern auch mal verstärkt Kleintiere und damit Insekten in Betracht ziehen“, so Diehl. Nach dem Treffpunkt um kurz vor 22 Uhr an der Langstädter Kirche stehen aber trotzdem zunächst die flugfähigen Säugetiere im Mittelpunkt, denn in einem Dachbodenraum des Gotteshauses ist eine Gruppe von 20 bis 30Breitflügelfledermäusen zuhause. Diehl und Besucher warten gespannt auf deren Ausflug, werden aber erstmal „hingehalten“.

„Die diskutieren noch. Gestern habe ich aber noch zwei gesehen“, macht der Biologe Mut. Dann geht alles ganz schnell: Diehls Ultraschallgerät, mit dem die Ortungslaute der Feldermäuse hörbar werden, fängt an zu knacken und die erste Fledermaus fliegt rasend schnell mit kleinen Haken über die Köpfe ihrer Beobachter hinweg. Es folgen noch über ein halbes Dutzend weiterer Tiere. Mit dem Einbruch der Dunkelheit ist für sie die Jagd auf die Nahrung eröffnet. Durch ihr flinkes Flugverhalten sind sie jeweils immer nur für Sekunden sichtbar. „Mann, haben die ein Tempo“, staunt eine Besucherin. Wichtigste Hilfe beim Beobachten ist ein Ultraschallgerät, das die rund 25 Kilohertz hohen, für das menschliche Ohr nicht mehr zu vernehmenden Laut-Frequenzen der Tiere umwandelt. Auf diese Weise kündigen die „Echolotarbeiter“ ihr Erscheinen an, und man kann schon mal den Kopf ins Knick legen und die Augen aufsperren. „Das Knacken des Gerätes klingt wie das Ausräumen einer Spülmaschine“, glaubt eine Frau.

Nach den Fledermausbeobachtungen macht sich die Gruppe an die Feld- und Wiesenränder auf. Auf dem Weg hat Diehl zahlreiche Infos parat, so zum Beispiel, dass viele nachtaktive Tiere keine Farben sehen. Beim „Schwarzweiß-Blicken“ rückten dafür die Kontraste in den Mittelpunkt. Auch auf die Frage, warum Tiere nachts überhaupt auf die Jagd gehen, gibt es eine Antwort: „Ein Grund ist die empfindliche Haut, die austrocknen kann. Das wird durch die kühlere und feuchtere Nacht verhindert.“ Feuchter mögen es auch die Glühwürmchen, die die Auenwälder bevorzugen – allerdings nur in lauwarmen Sommernächten. Am Wochenende bestand zuerst die Befürchtung, dass es für die außergewöhnlichen Leuchtkäfer zu kalt zum Fliegen ist. Am Rand des Markwalds ließen sich dann aber doch eine ganze Reihe von Exemplaren im Fluge bewundern. Die Leuchtorgane sitzen bei den Glühwürmchen am Hinterteil und funktionieren auf der Basis von Biolumineszenz, das heißt fluoreszierenden Stoffen wie etwa Phosphor. „Das Signal dient zum Anbandeln“, klärt Diehl auf. Wie er ergänzt, säßen die Weibchen allerdings flugunfähig am Boden. „Ein Licht zur Landebahnbefeuerung für die Männchen haben sie aber trotzdem“, schickt er schmunzelnd hinterher.

Diehl hat auch kleine Auffanggefäße mit einem Lupendeckel dabei. Damit ließen sich die Insekten, wie diverse Nachtfalter und eine Reihe von nachtaktiven Laufkäfern, sehr gut beobachten. „Während am Tag einige Schmetterlingsarten die Weibchen mit ihrem Aussehen beeindrucken, geschieht dies bei den nächtlichen Faltern in erster Linie mit Duft“, geht die nächste Info des Experten raus.

Wie der Biologe feststellen muss, wollen nicht alle Insekten in seinem Lupenglas Platz nehmen. So entwich ihm einmal ein Glühwürmchen-Weibchen, indem es sich schnell und geschickt ins Gras verkroch. „Jetzt hat es auch noch das Licht ausgemacht“, muss Diehl eingestehen, dass das kleine Insekt ihn als auch den Rest der Gruppe sprichwörtlich im Dunkeln stehen ließ.

Quelle: op-online.de

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