Freispruch oder lebenslang

Darmstadt/Babenhausen - Weiter auseinander hätten die Forderungen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung im Doppelmordprozess kaum liegen können: Während Staatsanwalt Jens Neubauer eine lebenslange Freiheitsstrafe für den Angeklagten forderte, plädierte die Verteidigung auf Freispruch. Von Cora Werwitzke

Laut Anklage soll D. am 17. April 2009 in seinem Nachbarhaus zunächst den 62-jährigen Klaus Toll und dessen 58 Jahre alte Frau Petra erschossen haben. Die damals 37 Jahre alte behinderte Tochter Astrid überlebte die Schüsse schwer verletzt. .

Angefangen hatte der 18. Verhandlungstag mit der Vernehmung letzter Zeugen. So kam noch ein Polizeimitarbeiter zu Wort, der rund drei Wochen nach den Morden mit seinem Diensthund den Tatort untersuchte. In einem Video war vor Gericht zu sehen, wie der Hund im Haus der Opfer auf eine Geruchsprobe des Angeklagten negativ reagierte. „Pluto konnte keine Spur aufnehmen“, kommentierte der Hundeführer das Video. Auf Nachfrage von Richter Volker Wagner räumte er jedoch ein, dass dies nicht bedeute, dass eine Anwesenheit des Angeklagten kategorisch auszuschließen sei.

Als letzten Akt der Beweisaufnahme verlas Richter Wagner auf Antrag der Verteidigung im Anschluss die schriftlich festgehaltene Aussage eines Pizzalieferanten. Im Schnitt fünf Mal in der Woche ließen sich Tolls ihr Mittagessen bringen - meistens von besagtem Zeugen, der angab, dass die Familie auf ihn einen ängstlichen Eindruck gemacht hätte. Mitte September 2008 wurde der Lieferant bosnischer Herkunft von Klaus Toll gefragt, ob er ihm eine Pistole besorgen könne. Toll begründete, dass er im Büro von zwei Männern bedroht worden sei. Nachdem er verneinte habe, hätte Klaus Toll ihn nie wieder darauf angesprochen, sagte der Pizzalieferant aus.

Nach 17 Nerven aufreibenden Verhandlungstagen erklärte Richter Wagner die Beweisaufnahme nach diesen Ausführungen für abgeschlossen. Die nächste Stunde gehörte der Staatsanwaltschaft, die in ihrem Plädoyer nicht den geringsten Zweifel daran aufkommen ließ, dass sie den Angeklagten Andreas D. für den Täter hält. „Es kommen zu viele Umstände zusammen, als dass es sich dabei um Zufall handeln könnte“, sagte Staatsanwalt Neubauer. Im Wesentlichen konzentrierte sich die Staatsanwaltschaft auf das vorhandene Motiv von Andreas D. Er und seine Familie seien jahrelanger Lärmbelastung durch die Tolls ausgeliefert gewesen, die sich in der Zeit vor dem Mord noch verschärft hätte - so kam zur Sprache, dass Petra Toll immer häufiger hysterisch geschrieen und die autistische Tochter Astrid „fiepsige Laute“ von sich gegeben habe, sobald sie sich aufregte.

Spuren fanden sich am Tatort keine, die Indizien ließen indes laut Staatsanwaltschaft „keinen vernünftigen Zweifel an der Täterschaft von Andreas D. zu“: das Abrufen und Ausdrucken einer Anleitung zum Bau eines Schalldämpfers von seinem Internetaccount auf der Arbeit aus, Schmauchspuren auf Kleidungsstücken, das fehlende Alibi und die Tatsache, dass ihm die Gewohnheiten der Tolls bekannt waren. All das weise auf den Angeklagten als Täter hin. Ins Gespräch brachte die Staatsanwaltschaft auch einen Zettel, der bei Andreas D. nach dessen erster Vernehmung als Zeuge in der Geldbörse gefunden wurde. Darauf hatte er sich Stichpunkte zu seiner Aussage gemacht, nach eigenen Angaben von damals, um bei einer eventuellen zweiten Vernehmung eine Gedächtnisstütze zu haben. „Sie haben diese Notizen gemacht, um sich später nicht in Widersprüche zu verstricken“, warf ihm gestern jedoch die Staatsanwaltschaft vor - und bilanzierte am Ende des Plädoyers: „Sie haben ihr Ruhebedürfnis und das ihrer Familie über das Leben von drei Menschen gestellt.“

Die Anschuldigungen der Staatsanwaltschaft gegen ihren Mandanten ließ die Verteidigung nicht auf sich sitzen: Indiz für Indiz zog Verteidiger Lang in Zweifel und führte dabei bekannte Argumente an – wie die Tatsache, dass das Internetaccount am Arbeitsplatz des Angeklagten auch von Dritten genutzt worden sein könnte, um die Anleitung zum Bau eines Schalldämpfers herunter zu laden. Lang endete mit der Feststellung, dass es keinerlei tragfähige Grundlage gebe, die dafür spräche, dass der Angeklagte der Täter sei. „Aus diesem Grund plädiere ich für Freispruch und die Aufhebung des Haftbefehls.“

Diese Forderung stand im krassen Gegensatz zu dem Strafmaß, das die Staatsanwaltschaft für angemessen erachtete: „Schon jede einzelne Tat - zwei Tötungen und ein Tötungsversuch - verdienen hier lebenslänglich“, so Anwalt Neubauer, der zudem die Schwere der Schuld als erwiesen ansah. Der Angeklagte habe heimtückisch und mit niederen Beweggründen gehandelt. „Er wollte eine ganze Familie auslöschen.“

Andreas D. verzichtete auf sein letztes Wort. Nun ist Volker Wagner gefragt. Der Richter wird am Dienstag, 19. Juli, das Urteil im Doppelmordprozess sprechen.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © Michael Grabscheit/pixelio.de

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