Aufmerksame Zeitzeugin

+
Die Babenhäuserin Ria Fischer erwarb viele Verdienste rund um die Heimatforschung.

Babenhausen - Erzählen ist eine Kunst, die nur wenige Menschen beherrschen. Ria Fischer gehört dazu. Darüber hinaus ist die 86-Jährige auch noch mit einem enormen Wissen über die Stadtgeschichte ausgestattet, das sie früher in lebendigen Führungen durch die Altstadt weitergegeben hat. Von Petra Grimm

Als aufmerksame Zeitzeugin, die ihr ganzes Leben in Babenhausen verbracht hat, kennt sie aber nicht nur die „offizielle“ Historie. Sie hat auch viel miterlebt, was Stoff für Geschichten aus dem Alltag der einfachen Menschen liefert.

Auf Initiative des Magistrats soll der Babenhäuserin, die in der Fahrstraße geboren und auf dem Kirchplatz aufgewachsen ist, jetzt die Ehrenbürgerschaft der Stadt verliehen werden. Die Stadtverordnetenversammlung wird darüber beschließen.

Großes Engagement bei Heimatforschung

Ria Fischers Verdienste um die Stadtgeschichte sind unbestritten. Für ihr herausragendes Engagement auf dem Gebiet der Heimatforschung ist sie bereits 1990 mit der Verdienstplakette der Stadt und im Jahr 2005 mit dem Ehrenbrief des Landes Hessen ausgezeichnet worden. Bis heute hält sie heimatgeschichtliche Vorträge beispielsweise beim Wanderklub. Sie hat Schriften über alte örtliche Rezepte, „Familien und ihre Häuser im alten Babenhausen“ und „Babenhausen als Garnisonsstadt“ verfasst.

Im Jahr 1980 war sie Gründungsmitglied des Heimat- und Geschichtsvereins und baute ab 1983 ehrenamtlich das Stadtarchiv im Burgmannenhaus auf, das sie bis zum Jahr 2006 auch leitete. Da war sie fast 81 Jahre alt.

Stadtarchiv ehrenamtlich aufgebaut

„Das war nie eine lästige Pflicht“, sagt sie über ihre Zeit als Stadtarchivarin. Sie habe bei dieser Arbeit viele interessante Leute kennen gelernt. An die Anfänge erinnert sie sich noch lebhaft. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Jakob, den sie heute pflegt, hat sie die alten Unterlagen in den Ortsteilen gesäubert, vorsortiert und ins Burgmannenhaus geschafft. „Die waren größtenteils in einem üblen Zustand, mit Schimmel überzogenen und voller Maden“, erzählt sie. 300 laufende Meter Regale hat sie eigenhändig mit ihrem Ehemann aufgebaut. Schulklassen, Studenten, Heimat- und Familienforscher nutzten das Archiv. „Viele deutschstämmige Amerikaner, die nach ihren Wurzeln gesucht haben, und Nachfahren früherer jüdischer Bewohner suchten Kontakt“, erzählt Ria Fischer. Sie half gern.

Ihr persönliches Interesse an der Geschichte der Babenhäuser Juden war nie nur akademisch, denn als Kind ging sie bei ihren jüdischen Nachbarn ein und aus. „Ich habe die Sitten und Gebräuche miterlebt. Es war damals ein gutes Miteinander“, erinnert sie sich an ihre Kindheit. Zu einem ehemaligen jüdischen Schulkameraden, der heute in Peru lebt, hält sie noch immer Kontakt. Ihre Lehrzeit von 1940 bis ´43 hat sie bei der Firma Krapp verbracht, war danach drei Monate in Münster in der Munitionsfabrik (Muna) dienstverpflichtet, ehe sie ab September 1943 für den damaligen Babenhäuser Bürgermeister Fritz Klein arbeitete.

Salatsiebe aus Stahlhelmen

Mit knapp 20 Jahren erlebte sie das Kriegsende. „Am 25. März war der D-Day in Babenhausen. Die Panzer der US-Besatzung rollten durch die Stadt. Damals habe ich zum ersten Mal erfahren, wie sich Menschen verändern können, denen es vorher gut und dann schlecht ging und umgekehrt“, sagt sie. 1946 ist sie bei der Stadt dann freiwillig ausgeschieden und arbeitete bis nach der Währungsreform als Sekretärin bei der Genossenschaft für Obst und Gemüse. Danach half sie ihrer Mutter, ihren Haushaltswarenladen wieder aufzubauen.

Dabei war Kreativität gefragt. „Wir haben damals aus alten Stahlhelmen Salatsiebe gemacht und aus Gasmaskenbehältern Milchkannen“, erzählt Ria Fischer in ihrer unnachahmlichen Weise.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare