Eine Schatzkiste mit Anekdoten

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Beim Rundgang mit Nachtwächter Burkhard Schimpf tauchen Teilnehmer in die Historie von Babenhausen ein. Mit Burkhard Schimpf zurück in die Vergangenheit: Der Nachtwächter brachte Licht ins Dunkel der Babenhäuser Lokalhistorie.

Babenhausen - Heiligabend 1944. Babenhausen erstrahlte nicht im weihnachtlichen Lichterglanz. Und auch die Laterne des letzten Nachtwächters der Stadt erlosch. Von Ursula Friedrich 

Sirenen schrillten, Bombenalarm! „Der sicherste Keller schien damals der Burgmannenkeller, hier gab es aber die meisten Toten“, erzählte Burkhard Schimpf bei seinem Nachtwächterrundgang am vierten Advent. Im Schatten des Breschturms ließ er das dunkle Kapitel wieder aufleben, dass „älteren Babenhäusern bis heute an Heiligabend einen kalten Schauer einjagt.“ Die Spuren von Kriegen sind bis heute sichtbar – folgt man dem Nachwächter auf seiner Führung in die Vergangenheit. „Die Schweden schlugen eine Bresche in den Breschturm“, erinnerte Schimpf an den Dreißigjährigen Krieg (1618-48) – dass dieses Loch der Namensgeber für den gut erhaltenen Wehrturm ist, sei nur eine Geschichte für Touristen.

In Wahrheit habe eine Ölpresse unweit des Turms gestanden und ihm so den Titel Pressturm verliehen. Babenhausens Bürger waren nicht zimperlich. In fetten Jahren wurde Sonnenblumen- und Sojaöl hergestellt – in „bitteren“ Jahren Bucheckern gepresst. Burkhard Schimpf öffnete seinem kleinen Publikum am Sonntagabend eine wahre Schatzkiste an Informationen, Geschichten und Anekdötchen aus der Vergangenheit. Eine Weihnachtsgeschichte und viele gemeinsam angestimmten Lieder trugen dieser besonderen Nachtwächterführung Rechnung.

Bis zurück ins 13. Jahrhundert reichten seine Erzählungen. Damals, als König Adolf von Nassau 1295 Babenhausen die Stadtrechte verlieh, zeichneten sich seine Bürger durch tüchtiges Mauern aus. „30 Jahre später war Babenhausen komplett mit einer Stadtmauer umgeben“, wusste Schimpf, „die Darmstädter brauchten 80 Jahre – dabei war Darmstadt damals ein Kuhkaff´.“ Babenhausen, auch als Babenhusen oder Babenhausense oder gar Babenhosen dokumentiert, durfte nach Frankfurter Recht Gericht halten und war zeitweise sogar befugt, eigene Münzen zu prägen. Mit dem mittelalterlichen Usus, Dieben die Hand, im Wiederholungsfall auch die zweite Hand abzuschlagen, brachen die Babenhäuser rasch. Nicht aus Humanität, sondern aus Pragmatismus. „Ein Krüppel konnte keinen Wehrdienst leisten, nicht arbeiten und folglich keine Steuern zahlen“, wusste der Nachtwächter.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag gibt es auch einen Rundgang: Treffpunkt Hexenturm, 20 Uhr.

Glücklich, wer in einem der bis heute erhaltenen stattlichen Häuser in der Amtsgasse geboren war – hier mussten die einfachen Bürger ihre Steuern, meist in Form von Naturalien, an die Amtsmänner bezahlen. „Erst durch die Flurbereinigung Napoleons war mit dieser Praxis Schluss“, sagte Burkhard Schimpf. Damals, als Babenhausen dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt einverleibt wurde, wurden viele der prächtigen Bauten in der Amtsgasse verkauft – so entstand um 1820 das Gasthaus zum Adler. Das Wahrzeichen der Stadt, der Hexenturm, ist aufgrund seines Namens zwar prädestiniert für schauerliche Geschichten. Hier zeichnet sich die Stadt jedoch durch Besonderheiten aus. „Im Zuge der Hexenverfolgung starb keine einzige Frau“, so der Nachtwächter – lediglich zwei Männer ließen als Hexer ihr Leben, während die Nachbarn in Dieburg, Schaafheim und Seligenstadt vermeintliche Hexen fleißig dahinmetzelten. Weitere Besonderheit: Babenhausen hatte keinen im Umland üblichen Pranger, sondern einen Prangerstein, auf dem ein Missetäter oft mehrere Tage sitzend ausharren musste.

Mit der Nachbarschaft gemein hatte die Stadt, dass die Einwohner im Brandfall selbst löschen mussten. Auf dem heutigen Schlossplatz versammelten sich die Bürger- und Feuerwehren. Und wer beschloss, als Neubürger in der Stadt sein Glück zu suchen, erhielt als Gastgeschenk einen Eimer.

Quelle: op-online.de

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