Steffi Graf und Las Vegas hinterm Haus

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Welche der zahlreichen Blumen duftet wann am besten und intensivsten? Christel Winter weiß es.

Hergershausen - Am Dienstagnachmmittag recken sich einige Köpfe im sonst so ruhigen Babenhäuser Stadtteil, als ein großer Ausflugsbus mit Erbacher Kennzeichen hinter der Kirche hält. „Wollen die zu uns?“, schauen sich zwei ältere Damen ungläubig an – Touristen haben in dem beschaulichen Ort doch eher Seltenheitswert. Von Michael Just

Doch steigen rund 30 Senioren aus dem Bus und machen sich in den Rosengarten der Familie Winter auf.

Opa, sie kommen!“, kündigt Enkel Julian seinem Großvater Lothar den Besuch per Go-Kart an. Mit „Karl, wo bleibst du denn?“, ruft kurz danach eine Frau ihren Mann, während sie schon an den ersten Rosen schnuppert. Über 2 000 Rosen und 300 Sorten zählt das Grundstück von Christel und Lothar Winter. Vor wenigen Wochen beim alljährlichen „Tag der offenen Gärten“ erfreute es sich erneut eines Ansturms und viel Lobes. „Dass jetzt sogar ein Bus kommt, ist in dieser Form neu“, erzählt Christel Winter über die Gäste vom betreuten Wohnen der „Residenz“ in Bad König.

Doch wie stießen die Odenwälder für ihren Nachmittagsausflug ausgerechnet auf Hergershausen? Betreuerin Theresia Mark weiß die Antwort: „Wir hatten kürzlich eine Rosenwoche bei uns im Haus. Deshalb wollten wir eigentlich auf die Rosenhöhe nach Darmstadt, mussten uns dann aber umentscheiden, da diese derzeit in keinem guten Zustand ist und neu eingepflanzt wird.“ So wurde im Internet nach einer Alternative geschaut, wobei die Winters zutage traten. Dabei habe man auch erfahren, dass die Hergershäuserin einen interessanten Rosenvortrag in petto hat, der allerlei Wissenswertes über die Königin der Blumen bereit hält.

Der Rosengarten der Familie Winter in Hergershausen ist nicht nur beim „Tag der offenen Gärten“ eine Attraktion: Diese Woche schaute eine Seniorengruppe aus Bad König vorbei.

Bevor es Kaffee und Kuchen sowie den Vortrag für die Gäste gab, hatten diese ausreichend Gelegenheit, sich in dem 600 Quadratmeter großen Garten umzuschauen. „Das ist ja ein Traum“, war die einhellige Meinung. Laut dem Besitzer könnte der Traum noch größer sein, wenn der Winter nicht so streng gewesen wäre. „100 Rosenstöcke, darunter fast alle Hochstämme, sind uns eingegangen“, erzählt er. „Am Anfang dachten wir, 50 Prozent wären kaputt“, wirft seine Frau ein. Jetzt hätten sich viele Pflanzen aber wieder mit einer ansprechenden Blüte gefangen. „Welche Rose duftet denn am meisten?“, will eine Frau wissen. „Probieren sie es mal aus. Das ist eine gute Gymnastik“, kommt die Antwort von einer Mitbewohnerin. „Wenn es heiß ist, riechen die Rosen nicht so stark. Morgens duften sie am besten“, weiß Winter, der sich über all die Jahre zum Rosenexperten entwickelt hat.

Wahre Rosenexperten mit 40 Jahren Erfahrung

Schon vor 40 Jahren hat das Ehepaar mit seinem Hobby angefangen und ist jedes Jahr nach Steinfurth zum Rosen kaufen gefahren. Dort war die Auswahl groß: Mittlerweile gibt es 30 000 verschiedene Sorten, einige tragen Namen wie Leonardo da Vinci, Marie Curie, Träumerei, Nostalgie, Las Vegas, Fisherman’s Friend oder auch Steffi Graf.

Mit der „Steffi“ in seinem Garten ist der Rentner aber nicht 100 Prozent zufrieden: „Obwohl wir sie zweimal düngen, will sie nicht so, wie wir wollen“, sagt er und ergänzt, dass manche Züchtungen Schwächen mitbringen. So sei „Las Vegas“ schön in der Blüte, aber nicht stabil im Stängel. Zufriedener gestalte sich da die „Mainzer Fastnacht“: „Die ist optisch eine Augenweide und riecht auch gut“, deutet Christel Winter auf die lila Blüte. „Haben sie auch Kölner Karneval?“, fragt eine Besucherin und erhält ein „Leider nicht“ zurück.

Mit dieser Rose sind für die ältere Dame zahlreiche Erinnerungen verbunden. „Ich hatte auch mal Rosen im Garten. Von den 20 attraktivsten Arten waren es von jeder Sorte aber nur zwei Stück“, erzählt sie. Die habe sie besonders liebevoll gepflegt: „Das waren meine Ersatzkinder“, sagt die 83-Jährige und erzählt, dass sie keine Kinder hat.

Es sei leicht, eine Rose zu lieben: „Manche Blüte ist derart prächtig, dass man geneigt ist, ihr einen Kuss zu geben.“ Wie die Seniorin verrät, sei sie überzeugt davon, dass Blumen auf menschliche Gefühle reagieren. Dennoch hätten viele innige Verhältnisse nichts genutzt und so mancher Kuss sei ein Abschiedskuss gewesen: „Irgendwann war auch die schönste Rose verblüht.“

Quelle: op-online.de

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