Steilvorlagen für Satiriker

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Detlef Schönauer trat am Samstag und am Sonntag beim Kirchen-kabarett auf.

Babenhausen - Wie modern ist die Kirche? Moderner als man glaubt, weiß Kabarettist Detlef Schönauer und macht dies an einer Textaufgabe fest, die er an einem bayrischen Jesuitenkolleg entdeckt hat. Von Michael Just

„Wenn im gesamten Dekanat pro Monat sieben Priesterkinder gezeugt werden – wieviel müssen Hochwürdigen sündigen, um den Mitgliederschwund wieder auszugleichen?“.

Ob diese Aufgabe wirklich gestellt wurde, ist nicht ganz sicher. Ganz sicher ist aber, dass sie am Wochenende beim siebten Kirchenkabarett-Festival einige Besucher minutenlang zum Lachen brachte.

Gleich an drei Abenden lud die Evangelische Kirchengemeinde Babenhausen erneut zu diesem Ereignis ein, das von Titel und Inhalt noch immer eine Besonderheit ist. Um die Jahrtausendwende zum ersten Mal auf die Beine gestellt und dann alle zwei Jahre neu aufgelegt, hat die Veranstaltung bis heute nichts an Zuspruch verloren. Sowohl am Samstag und am Sonntag wurde ausverkauft vermeldet. Der Freitag präsentierte sich, wie die Jahre zuvor, als etwas schwächer. Dennoch war er stärker als in der Vergangenheit. Der Erfolg des Kirchenkabaretts dürfte vor allem darin liegen, dass viele Themen unter dem Kreuz – wie Zölibat oder Papst – heiße Eisen innerhalb und außerhalb der Kirche sind und deshalb wahre Steilvorlagen für Satiriker bieten. Für die wie auch für die Organisatoren ist damit auch eine gewisse Gratwanderung verbunden, dass beißender Spott die Gefühle von Gläubigen verletzt oder Aussagen in die Blasphemie-Ecke gerückt werden.

„Leute wissen, was Kabarett bedeutet“

Wie Hanne Marshall und Winfried Döring vom Orga-Team bekunden, haben sie hier keine Bedenken. „Die Leute, die hierher kommen, wissen, was Kabarett bedeutet“, sagt Döring. Bisher seien noch keine Beschwerden eingegangen. „Bei jedem liegt die Schmerzgrenze woanders. Der eine verträgt mehr, der andere weniger“, weiß Marshall und ergänzt, dass man sich die genauen Inhalte von den Künstlern vorher nicht zeigen lasse. Man nutzte aber die Informationen im Internet oder die Möglichkeit, in CDs reinzuhören. Auch bei den Auftritten auf Kirchentagen gewinne man Eindrücke.

Alle, die den Wahl-Saarländer erlebten, zeigten sich begeistert.

Bei den Bühnenakteuren durfte das Erste Allgemeine Babenhäuser Pfarrer(!)Kabarett natürlich nicht fehlen. Das auch deshalb, weil es maßgeblich vor zwölf Jahren daran beteiligt war, das Festival aus der Taufe zu heben. Am Samstag fiel Hans-Joachim Greifenstein krankheitsbedingt aus, so dass sich zum geplanten Soloauftritt von Hajo Herrmann am Freitag einen Tag später ein weiterer ungeplanter dazugesellte. Mit viel Spaß ließ Herrmann vom Publikum per Abstimmung entscheiden, welches Soloprogramm er denn nun spielen soll. Am Sonntag war Greifenstein dann wieder genesen und das Pfarrerkabarett in gewohnter Stärke auf der Bühne.

In diesem Jahr wurden die beiden vom Darmstädter Duo Kabbaratz sowie Detlef Schönauer ergänzt. Das Duo Kabbaratz um Evelyn Wendler und Peter Hoffmann kündigte schon bei seiner Verpflichtung an, dass sein Repertoire nicht aus großen Spitzfindigkeiten bezüglich Kirche und Christenmenschen aufgebaut ist. Das machte Organisatoren und Publikum aber nichts: Mit ihrem beißenden Spott über die kleinen und großen Unwägbarkeiten des menschlichen Miteinanders und unserer Gesellschaft wussten sie wie gewohnt zu überzeugen.

Detlef Schönauer löst Begeisterung aus

Eine regelrechte Begeisterung löste Detlef Schönauer mit seinen Auftritten aus. Als französischer Bistrowirt Jacques lästerte er charmant und zu jeder Zeit kurzweilig nicht nur über gute und weniger gute Christen. Am Sonntagabend nahm sich der Wahl-Saarländer vor allem die Marotten der Zeitgenossen in seiner Heimat vor. Die Pfälzer als ungeliebte Nachbarn blieben ebenfalls nicht verschont.

Das meist gesetztere Publikum in der Stadthalle quittierte vor allem, dass Schönauer frei raus den Spiegel vorhielt, dabei aber nie verletzend wurde oder unter die Gürtellinie geriet. Wie Schönauer unserer Zeitung sagte, liebe er das Kirchen-Kabarett, da man andere Personen als beim „normalen“ Kabarett erreiche. Das seien gerade ältere Menschen, die vorrangig in den Kirchengemeinden verwurzelt sind und auch verstärkt die dortigen Angebote wahrnehmen. Trotz des Blicks in die Augen etlicher Kirchgänger im Saal gibt es für Schönauer nach eigenem Bekunden auf der Bühne keine Tabus. „Das ist ja das Wesen des Kabaretts. Dazu sind einige Themen wichtig“, sagt er. So klammert er selbst die Missbrauchsfälle nicht aus. Dass er damit nicht aneckte, führt er auf einen bedeutenden Unterschied zurück: „Ich bin kritisch, aber nicht böse. Der Ton macht auch hier ganz klar die Musik.“

Quelle: op-online.de

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